Legendenbauen live.

Manchmal ist diese mediale Mache so durchschaubar, dass man sich fragt, für wie einfältig die Machenden ihre Leser eigentlich halten. Heute im Kölner Stadt-Anzeiger zum Beispiel.

Die Vorgeschichte ist bekannt: Die Stürmersuche des FC im diessaisonalen Wintertransferfenster entwickelte sich zu einem wunderhübschen Stück Schmierenkomödie, dessen Verlauf bestens von donluka drüben bei spox wieder gegeben worden ist, weshalb ich hier das Ganze nicht noch einmal aufdröseln möchte. Für den faulen Leser nur eine kurze Inhaltswiedergabe: Nach wochenlanger Stürmersuche und vielen von der Presse gehandelten Hochkarätern präsentierte der FC am Ende den Ex-Bochumer Chong Tese. Über das Zustandekommen des Transfers gibt es verschiedene Versionen, in den meisten dieser Geschichten gibt es den sympathischen Protagonisten - Trainer Solbakken - welcher den Nordkoreaner, Südkoreaner und Japaner je nach Version entweder gar nicht haben wollte, gar nicht gefragt wurde oder davon, dass kein Geld für einen der anderen Kandidaten da war, nicht begeistert war, und den machtgierigen Antigonisten - Sportdirektor Finke -, der über alte Kanäle (in diesem Fall: Jens Todt, ehemaliger Spieler unter Finke, jetzt Bochumer Manager), was aus einem mir nicht bekannten Grund etwas Böses ist, schlechte Stürmer kauft, um dem 1. FC Köln zu schaden. Oder so ähnlich.

Lange Rede, kurzer Sinn: Chong Tese gilt als Finke-Mann. Nein, genauer gesagt: Als Finke-Flop. Hat zwar noch keine Sekunde gespielt, aber mit solcherlei Sperenzien müssen sich Neuzugänge in Köln auch nicht aufhalten, um als Flop oder Top eingestuft zu werden.

Nun kam das erste Spiel mit "dä Chines" im Kader. Im Kader, wohlgemerkt, nicht auf dem Spielfeld. Dass Tese nicht von Beginn an dabei sein würde, war klar, das gab auch wenig Interpretationsspielraum nach gerade mal drei Tagen im Mannschaftstraining. Eingewechselt würde er auch nicht werden, wußte der Express schon drei Tage vor dem Spiel und sollte recht behalten, statt seiner wurden die beiden Offensivkräfte Odise Roshi und Mikael Ishak ins Spiel gebracht.

Und bekanntermaßen erfolgreich: Der Albaner Roshi schoß das Tor des Tages. Was die freudig gelöste Runde, der ich im Anschluß an das Spiel beiwohnte, dazu veranlaßte zu witzeln, dass der Torschütze nun bestimmt zu einem Solbakken-Liebling ernannt werden würde, um die hübsche Geschichte des Zwistes noch ein wenig abzurunden, frei nach dem Motto "Finke-Flop Tese auf der Bank, Solbakken-Star Roshi schießt das Tor", unter Umgehung der Tatsache, dass beide, sowohl Solbakken als auch Roshi zeitgleich zum FC kamen und von Finke verpflichtet wurden.

Gut, Solbakken-Star steht da nicht, aber "Solbakkens Entdeckung Odise Roshi" ist eigentlich noch viel, viel besser. Well done, Kölner Stadt-Anzeiger. Später, wenn ich die Weltherrschaft an mich gerissen habe und meine Diktatur eingerichtet habe, hätte ich Euch gerne als Chefpropagandisten. Ginge das?
Mo (Gast) - 9. Feb, 15:37

Ja, über den gleichen Sachverhalt bin ich auch gestolpert. Als ich im KSTA gelesen habe, dass Roshi Solbakkens Entdeckung sei, hab ich mich auch gewundert und gleich gedacht, dass passt doch in deren Anti-Finke-Hetze.
Bin mal gespannt wie die Geschichte weitererzählt wird...

Korbinian (Gast) - 27. Feb, 11:42

so is es...

leider Gottes hat nicht jeder Spieler das Zeug zum Fanliebling... da gibts in der "realen" Welt noch einige Sachen die sich auch in der Fußballgemeinde niederschlagen! Allerdings sollte man einem neuen Spieler auch die Chance bieten sich zu profilieren!

hapeen (Gast) - 5. Mrz, 21:55

Tucholsky

Ich halte es da mit Tucholsky, der angesichts der braunen Meute nur meinte: Ich kann gar nicht soviel essen wie ich kotzen möchte.
So gehts mir auch mit der Bild, dem KStA und dem Express.
Aber leider nutzt es nichts.

nixnoise (Gast) - 7. Mrz, 10:57

Das Kotzen kann man prinzipiell sicher stehen lassen. Allerdings finde ich es etwas übertourt, ein Zitat, das auf die Nazis gemünzt war, auf etwas vergleichsweise Harmloses wie Sportredakteure zu übertragen. Im Übrigen stammt der Spruch meines Wissens nicht von Tucholsky, sondern von dem Maler Max Liebermann.

Nix für ungut.

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