Auswärtsspiel

Dienstag, 19. Mai 2015

Wettbewerb

Es begab sich in der Saison 2002/03 in der zweiten Bundesliga. Der ruhmreiche 1.FC Köln hatte mal wieder, wie so oft, jede Menge Ruhm nach Hause gebracht. Um diesen dann, wie noch weitaus öfter, weg zu werfen.

Eine Saison lang konnten wir ganz ohne jede Ironie singen, dass es niemand wagen würde, unseren effzeh zu schlagen. Na ja fast, am 26. Spieltag verlor die Mannschaft gegen die von Mainz, zu Hause. Ansonsten gab es eine gute Menge Unentschieden (derer elf) und noch mehr Siege (achtzehn) bis am 30. Spieltag das hochgesteckte Saisonziel erreicht war: der Aufstieg in die erste Bundesliga. Sieben Punkte Vorsprung auf Freiburg, Tabellenzweiter, zwölf auf einen Nichtaufstiegsplatz. Unschlagbar (fast).

Was folgte waren vier Niederlagen. Freiburg wurde Zweitligameister, der Abstand auf den Nichtabstiegsplatz betrug bloße drei Pünktchen. Beim ersten Spiel nach Aufstieg drückte man noch die Augen zu, der Aufstieg war Montags erfolgt, das Spiel darauf war Freitags, gut, das Feiern, der Alkohol, der Gegner war der zweitplatzierte SC Freiburg, die fehlende Anspannung, okay. Kann passieren. Dann aber folgten drei Niederlagen gegen Mittelfeldmannschaften, die sich bereits jenseits von gut und böse befanden.

Und es ging sehr viel kaputt. Oder alles. In der darauf folgenden Saison ging es wieder nach unten, deutlich, elf Punkte Rückstand auf den Tabellensiebzehnten. Der Grundstein für diese Katastrophensaison wurde in den vier letzten Saisonspielen zuvor gelegt. Dass die Party irgendwie wichtiger ist als auffem Platz, dass das ja alles nicht so wichtig ist, dass der sportliche Wettbewerb jenseits von Saisonzielen nicht ernstzunehmen ist, dass die Pflicht reicht und darüber hinaus kein Interesse herrscht. Das alles lernte die Mannschaft in diesen vier Spielen.

Die Verärgerung war übrigens groß. Nicht mal unbedingt seitens Fans anderer Vereine (andererseits: die sozialen Medien steckten noch in den Kinderschuhen, wer weiß also?), sondern in der eigenen Fangemeinde. Zu deutlich war das nachlassen. Zu deutlich der Mangel an Lust auf Fußball, die ja eigentlich Fans und Spieler verbindet. Und auch damals schon die, wie sich später herausstellte: berechtigte, Sorge um die Spätfolgen. Sorgen um die Mentalität der Mannschaft.

Ich glaube, die Fans des FC Bayern machen einen Fehler, wenn ihre einzige Reaktion auf die Kritik am Auftreten ihrer Mannschaft dieser Tage die verteidigende ist. Natürlich, eine Verurteilung in Bausch und Bogen wäre nach dieser überaus erfolgreichen Saison völliger Quatsch. Ebenso wie das Wort „Wettbewerbsverzerrung“, auch wenn es faktisch richtig ist, wenn ein vollkommen unbesiegbares Team plötzlich ein Spiel nach dem anderen verliert, weil es für es um nichts mehr geht und es somit in den Wettbewerb eingreift. Aber die einer Wettbewerbsverzerrung zu Grunde liegende Absicht zu unterstellen, ist eben das: Quatsch.

Aber Sorgen sollten sie sich machen, wenn die Mannschaft, wie im Rasenfunk schön vorgerechnet, zum zweiten Mal in Folge überproportional viele Spiele verliert, sobald der Meistertitel feststeht. Es mangelt an Sportlichkeit, an der Einstellung und beides ist wichtig, will man noch höhere Ziele als die nationale Meisterschaft erreichen, und das, so hört man, soll ja durchaus der Fall sein bei den Großkopferten aus München.

Nicht dass ich etwas dagegen hätte, wenn dieser Verein seine Ziele nicht erreicht, ganz und gar im Gegenteil, ich hätte halt dann nur gerne, dass der 1.FC Köln in Zukunft seine Spiele gegen die Bayern am Ende der Saison ausrichten darf. Herr Spielplangestalter, was würde das kosten?

Samstag, 14. Juni 2014

Zwei Expertensuperscouts tanken Super

Das war so: wie schon des öfteren in diesen schriftlichen Gefilden erwähnt, reiste ich einst mit Freund S. einige Monate durch den Süden Südamerikas. Argentinien in erster Linie, von Nord bis Süd, dann ganz unten am Ende der Welt hinüber nach Chile und dort wieder hinauf, um zum Schluss noch einige Wochen in der schönsten Stadt der Welt, Buenos Aires zu verbringen.

So weit, so gut. Das Problem für zwei Fußballfans in Argentinien und Chile lag im Reisezeitraum. Sommer. Also: hier Weihnachten und dort - Sommerpause. Das ist einigermaßen blöd, will man gerne Fußball live im Stadion sehen. Ein Zweitligaspiel in Santa Fe am Anfang der Reise, ein Ligaspiel bei San Lorenzo sowie ein Copa Libertadores-Spiel Independientes am Ende der Reise. Eine magere Ausbeute für drei Monate. Zwischendurch half nur die Zusammenfassung der schönsten Maradona-Tore, die täglich auf irgendeinem Fernsehsender zu finden war. Und, und davon will ich hier eigentlich erzählen, das Torneo Preolímpico Sudamericano Sub-23.

Wir befanden uns zufälligerweise gerade in Viña del Mar, an der chilenischen Küste auf Höhe Santiagos gelegen, und wie es der Fußballgott wollte, fand just zu diesem Zeitpunkt der vorletzte Spieltag dieses Olympiaqualifikationsturniers statt. So pilgerten wir ins Estadio Sausalito und sahen nicht ein, nein: zwei Spiele, direkt hintereinander. Zunächst, für das weitesgehend chilenische Publikum eher eine Vorspeise, der spätere Olympiasieger Argentinien mit einem Sieg gegen Paraguay, immerhin späterer Silbermedaillengewinner. Die Sympathien des chilenischen Publikums waren eindeutig auf argentinischer Seite, unsere nicht weniger, und so sahen wir in Ruhe und Freude Javier Mascherano und dem Jungstar jener Zeit, Carlito Tévez, zu, beides Spieler, von denen wir auf der bisherigen Reise schon einiges gehört hatten.

Dann kam der Hauptgang und unsere Kenntnis über Spieler im chilenischen oder brasilianischen Trikot sank auf Null. Diego spielte, er schoss sogar eines der Tore, die zum 3:1-Sieg für Brasilien führten und half damit, Chiles Hoffnungen auf eine Olympiateilnahme endgültig zu beerdigen. Aber damals sagte mir der Name Diego nichts und das war auch völlig in Ordnung so, wer will schon brasilianische Spieler kennen?

Der chilenischen Seite hingegen flogen sofort unsere Herzen zu. Zugegeben, auch wegen der Gesänge und der freudigen Unterstützung des Publikums für die deutlich unterlegenen Jünglinge in Rot-Blau. Und selbstverständlich sahen wir es als unsere Aufgabe, aus der Elf der Jungspunde, die da vor unseren Augen ihrem Spieltrieb nachging, ein Juwel herauszupicken, um dessen Namen sofort in die Heimat zu kabeln, auf dass der Lieblingsverein sofort einer Verpflichtung des kommenden Weltstars nachkomme.

Daraus wurde nichts. Die beiden natürlich formidabel geschulten Expertensuperscouts konnten sich nicht einigen. Der eine bevorzugte den etwas dunkelhäutigen Flügelflitzer, der andere den mit wehenden Haaren durch das Mittelfeld wirbelnden Zehner. Kein Telegramm in die Heimat, so viel war klar. Aber eine Wette war geboren: Gewinner ist der, dessen Spieler es als erster schafft, in unserer europäischen Fußballblase aufzutauchen. Sei es als Vereinsspieler, in einem europäischen Pokalwettbewerb, sei es als Nationalspieler.

Um es - endlich - kurz zu machen: auch daraus wurde nichts. Beide wechselten im kommenden Sommer gleichzeitig zu Servette Genf, auf Leihbasis, machten zwei Handvoll Spiele und verschwanden nach einer Saison wieder nach Südamerika.

Immerhin: beim Spiel der Chilenen gestern gegen Australien, wurde "meiner", Jorge Valdivia, in der 68. Minute für S.' Objekt der Begierde, Jean Beausejour, ausgewechselt. Beide schossen je ein Tor. Expertensuperscouts, sag ich doch.

Freitag, 27. September 2013

Arsenal London und Freunde.

Kürzlich war es mal wieder so weit: ein empörtes Schnauben und Zetern ging durch die bundesdeutsche Blogo-, Twitter- und Fratzenfibelsphäre. Mesut Özil wechselte. Doch nicht der Wechsel selbst - gut, der auch - war Grund für die Aufregung, es war eher der Verein, bei welchem er zukünftig seine Zauberkünste vorführt, genauer gesagt die in Deutschland gerne und fälschlicherweise benutzte Bezeichnung für diesen Verein: der FC Arsenal London. Nein! Nein! Eben nicht!

Herrgott, wie oft muss man es noch sagen - Flammen der Empörung kriechen aus diesen Worten - der Verein heißt FC Arsenal. Punkt. Kein London. (Hysterisches Schreien und Wüten aus dem Off).

Gut, Butter bei die Fische: der Verein heißt in der Tat nicht Arsenal London, niemand auf der Welt außer uns Deutschen sagt dies so und ohne jeden Zweifel ist es ein Zeichen des Respektes, wenn man sich die Mühe macht einen Verein so zu benennen, wie er heißt, statt ihm einen Fantasienamen zu geben.
Das regelmäßig stattfindende Ausmaß der Empörung allerdings ist albern. Vor allem aber ist es heuchlerisch, wenn nicht im gleichen Maße all die anderen deutschen Vereinsnamensverballhornungen mit der gleichen Verve anprangert werden. "Arsenal London" ist nämlich keineswegs allein auf weiter Flur. Wer also regelmäßig mit Schaum-im-Mundwinkel-Problemen zu kämpfen hat, wenn die Wortkombination "Arsenal London" fällt, eine der folgenden Vereinsbezeichnungen aber klaglos hinnimmt oder gar selbst benutzt, möge sich bitte mit Anlauf selbst auf die Nase hauen.

Bröndby Kopenhagen
Olympique Lyon
Olympique Marseille
Girondins Bordeaux
Sporting Lissabon
Benfica Lissabon
Ajax Amsterdam
Partizan Belgrad
Roter Stern Belgrad
Glasgow Rangers
Celtic Glasgow
Juventus Turin
CSKA Sofia
Ferencváros Budapest
Honved Budapest
Betis Sevilla
Fenerbahçe Istanbul
Galatasaray Istanbul
Beşiktaş Istanbul

Und das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs, weitere Hinweise werden gerne in den Kommentaren angenommen.

Und im Fortgeschrittenenkurs unterhalten wir uns dann darüber, dass der FC Arsenal nun mal gar nicht FC Arsenal heißt, sondern Arsenal FC, der Fußballklub aus Villareal nicht FC Villareal, sondern Villareal CF und warum wir nicht davon lassen können, den AC Milan und Internationale Milano einzudeutschen.

Dienstag, 9. April 2013

Und zwischen den Fahnen ein grünes Fußballfeld. Fußball in Belfast.

Das Erste, was den müden Augen unserer Reisegruppe an diesem trüben und kalten Ostermontagmorgen ins Auge fällt, als wir die Fähre in Belfast, unserem Reiseziel, verlassen, sind Fahnen. Viele. Alle zeigen den Union Jack. Seitdem der Stadtrat Belfasts im Dezember beschloss, die britische Fahne nicht mehr durchgängig auf der City Hall wehen zu lassen, ist er wieder sichtbarer geworden, der Konflikt zwischen katholisch-irischer und protestantisch-britischer Seite.
Die Unruhen im Januar - als befürchtet werden musste, dass der seit 1998 anhaltendeee Waffenstillstand brüchiger sein könnte als gehofft - sind glücklicherweise wieder abgeebbt, doch die Fahnen hängen noch, an den Häusern und Laternenmasten oder als Wimpelketten quer über die Straße. Der Union Jack überall dort, wo die Loyalisten wohnen; die irische Fahne in den republikanischen Wohngegenden. Und so gesellen sich viele Fahnen zu den anderen Anzeichen einer in sich zerrissenen Stadt, zu den vielen häufig gewaltverherrlichenden Murals und den die einzelnen Stadtviertel durchschneidenden Peace lines, bis zu acht Meter hohe Wände aus Stein, Stahl und Zaun.

Rekordmeister Linfield FC wird geehrt. Unten rechts: Werbung für eine eher radikale Unterstützergruppe der schottischen Rangers. Klick: größere Ansicht.



Unsere erste Begegnung mit Fußball findet auf der Shankill Road statt, der bekanntesten protestantischen Straße im Westen Belfast. Einige Häuserblocks entfernt von einem großen Wandbild zu Ehren des nordirischen Rekordmeisters Linfield FC, trinken wir ein Bier in einem Pub, der sich Northern Ireland Supporters Club nennt. Nicht nur die Adresse, auch der Name verrät schon, welche Gesinnung hier vertreten wird - republikanische Nordiren tränken ihr Bier kaum in einer Lokalität, die die nordirische Nationalmannschaft unterstützt. Zwischen verzierten Spiegeln, die dem einzigen nordirischen Sieg über England in einem Pflichtspiel (1:0 in der WM-Qualifikation 2005) oder dem mit Abstand besten Fußballers Nordirlands, George Best, gedenken, erfahren wir, dass es ein paar Häuser weiter Tickets für die Pokalspiele am kommenden Wochenende geben soll.

Das nämlich ist die Crux an dieser Reise: wir reisen zu einem Zeitpunkt, an dem die Liga, so glauben wir, Pause macht, zwischen regulären Meisterschaftsspielen und den Playoffs, in denen die ersten Sechs, ihre Punkte aus den bisherigen Spielen mitnehmend, den Meister ermitteln. Aber wir werden Fußball sehen können: die beiden Pokalhalbfinale finden am kommenden Samstag statt, erst die Partie Portadown FC - Glentoran FC im Windsor Park, dem Nationalstadion Nordirlands und sportliche Heimat Linfields, anschließend im Oval - Heimat Glentorans - das Nord-Belfaster Derby Crusaders FC - Cliftonville FC.
Doch Karten bekommen wir an diesem Tag nicht, und so umrunden wir mit weitem Umweg die Peace Line, um auf der anderen Seiten auf das katholisch-republikanische Pendant der Shankill Road, die Falls Road, zu kommen.

Hier finden wir uns schnell in einem Pub namens The Red Devil wieder, in dem laut Hinweisschild Kinder nur Zugang während der Übertragung von Fußballspielen haben und zudem nur die Farben von Manchester United, Celtic und der Republic of Ireland erlaubt sind. Die Liebe zu Manchester erklärt wieder George Best, die zu Celtic ist im nordirischen Konflikt begründet: in dieser Ecke Belfasts zählt natürlich nur die katholische Seite des Old Firms.
Doch noch ein weiterer Verein wird hier gemocht und so erfahren wir, dass nicht das Pokalspiel am kommenden Samstag das wichtigste Spiel dieser Woche für den Cliftonville FC ist, sondern das am morgigen Dienstag ausgetragene erste Playoff-Spiel gegen den Nachbarn Crusaders. Wir freuen uns natürlich so unverhofft ein weiteres Spiel sehen zu können, zumal wir mittlerweile in Erfahrung gebracht haben, dass unser Domizil fast in Spuckweite zum Solitude, dem Heimatstadion Cliftonvilles ist.

Manchester-Rot sowie Celtic und Irland-Grün sind erlaubt. Klick: größere Ansicht.



Gesagt, getan. Dienstag: Spieltag. Cliftonville FC versus Crusaders FC. Heimspiel für den ältesten Verein der ganzen Insel (gegründet 1879), derzeitiger Tabellenführer und mit einem grünen Kleeblatt in rotem Kreis gewappnet, das wohl nur uns Deutsche schwer an Rot-Weiß Oberhausen erinnert, den Rest der Welt vermutlich an Celtic. Gegner ist nicht nur, wie bereits erwähnt, der unmittelbare Nord-Belfaster Nachbar, sondern auch der Tabellenzweite, der einzige Verein, der Cliftonvilles Titelträume noch in Gefahr bringen kann und dem Namen gemäß einen Kreuzfahrer im Wappen zeigt.
Ein Spiel also, das also viel bietet: Nachbarschaftsduell und Titelkampf und nicht zuletzt der nordirische Konflikt - ein für Januar angesetztes Ligaspiel wurde seinerzeit ausgesetzt, da befürchtet werden musste, dass es im Flaggenstreit für Zündstoff sorgen könnte.

Die Südseite des Solitude. Beachtenswert auch: Kunstrasen. Nicht die dümmste Idee, wie wir später sehen werden. Klick: größere Ansicht.



So kreist auch ein Hubschrauber über unseren Köpfen, als wir auf dem Weg zum Solitude, dem Stadion Cliftonvilles sind. Ein Stadion, in dem der Verein seine Heimspiele seit 1890 austrägt, seit 1970 nur noch aus drei Seiten besteht und das angeblich 6220 Zuschauer fassen soll. Ich bin da ein bisschen skeptisch, das Stadion ist zu gut Dreivierteln besetzt und ich schätze 3000 Zuschauer, aber ich kann mich irren, Zuschauerangaben in Zeitungen scheinen in Nordirland jedenfalls nicht sonderlich en Vogue zu sein, so dass keine verlässlichen Angaben vorliegen. Diese 3000 Zuschauer jedenfalls verzichten auf jegliches Ultra-Verhalten, es gibt kaum Gesänge und wenn, dann eher der einfachen Art. Das bedeutet keineswegs, dass das Publikum weniger leidenschaftlich dabei wäre, jeder zweite Ball wird kommentiert, laut und nicht selten nicht jugendfrei.
Und Grund gibt es zu fluchen für die Red Army, wie sich die Cliftonviller Anhänger der Reds nennen: Zur Halbzeit steht es eher unverdient 0:1.
Doch Cliftonville, denen bereits zur Halbzeit unsere Sympathie gehört, hat Liam Boyce. Ein Jahr spielte er bei Werder Bremen II, bevor er desillusioniert zurück auf die Insel kehrte und er spielt die Saison seines Lebens. Und auch heute macht er die Saisontore Nummer 25 und 26 zu einem schwer umjubelten und hochverdienten Endstand von 3:1. Und nicht nur deswegen ziehen wir unseren Hut, der erwartete Untere-Ligen-Graupenfussball entpuppt sich als recht ansehnlich, insbesondere Cliftonville zeigt mitunter Spielzüge, die wir hier so nicht erwartet haben.

Eine historische Saison scheint also möglich zu sein für Cliftonville: Im Januar bereits den Liga-Pokal gewonnen (gegen, natürlich, die Crusaders), jetzt nur noch zwei Punkte von der Meisterschaft entfernt und am kommenden Samstag, vor unseren Augen, das Pokalhalbfinale - das Triple steht greifbar nahe. Und Cliftonville ist ansonsten nicht gerade Titelsammler, gerade mal drei Meisterschaften in 134 Jahren stehen auf dem Briefkopf, die großen, titelträchtigen Mannschaften sind Linfield und Glentoran.

Auf diesem Rasen trägt die nordirische Nationalmannschaft ihre Heimspiele aus Und nein, das ist keine optische Täuschung. Klick: größere Ansicht.



Letztere stehen an jenem Samstag zuerst auf dem Programm. Dankenswerterweise finden beide Halbfinale nacheinander statt, in den beiden größten (hier ist ein kleines Hüsteln erlaubt, wenn nicht gar angebracht) Stadien. Zunächst also geht es in den Windsor Park. Auch hier gibt es nur drei Seiten, dafür sieht der Rest allerdings schon nach richtigem Fußballstadion aus. Fast jedenfalls, dann wenn man den Rasen außer acht lässt (siehe Bild). Uns verschlägt es auf den Railway Stand (unser Eisenbahnherz hüpft vor Freude), dort wo die Fans des Portadown FC stehen und sitzen. Und hui, neunzig Minuten Dauersupport der Fans aus dem kleinen Städtchen südwestlich von Belfast. Das überrascht, insbesondere, da das Spiel zwischen dem Tabellensiebten gegen den -vierten dann doch das bietet, was wir vom nordirischen Fußball erwartet haben: Gebolze und Gegrätsche, wenig bis gar kein Spielfluss und Torchancen, die an einer Hand abzählbar sind. Am Ende, alss wir schon leise fürchten, es könne Verlängerung geben, triumphiert der Glentoran FC dank eines Tors nach Eckball.

The Oval, Heimat des Glentoran FC, heute Austragungsstätte des Pokalhalbfinals. Klick: größere Ansicht.



Also hinaus und ans andere Ende der Stadt, ins Oval, Heimat der Mannschaft, die wir gerade siegen sahen. Hier findet die Wiederauflage des Ligaspiels, dessen wir am Dienstag Zeuge werden konnten, statt. Die große Chance für die Reds, ihrem Traum vom Triple näher zu kommen und für die Crues, die Saison nicht komplett zu vervizekusen. Für uns ein Novum auf dieser Reise: das Stadion, inmitten einer deutlich loyalistisch beflaggten Wohngegend, hat tatsächlich vier Seiten. Hübsch ist es auch, sofern man Herz für alte kleine Stadien hat. Nur der Gästezugang, den wir als überzeugte Cliftonville-Freunde nehmen müssen, ist ein wenig gruselig - ein ca. achthundert Meter langer Käfig, der weit entfernt vom Haupteingang zwischen Autobahn und Wohngebiet zum Stadion führt. Und leider hat der Gott des guten Spiels heute offenbar Ausgang, jedenfalls bietet auch dieses zweite Halbfinale deutlich weniger Fußball als das Ligaspiel am vergangenen Dienstag. Die Crusaders halten gut dagegen, wäre man objektiv, würde man ihnen sogar ein Chancenplus attestieren. Aber in dieser Saison braucht es mehr, um Cliftonville zu schlagen. Ein Doppelschlag in der zweiten Halbzeit aus sehr berechtigtem (glaubt den Crusaders nicht, sollten sie Euch Anderes erzählen) Elfmeter und perfekt heraus gespieltem Konter nur eine Minute später macht die Sache klar. "And that's why we're champions" singt die Red Army erfreut und - huch - zündet ein bisschen rot vor sich hin rauchende Pyrotechnik.

Nordirische Bürotechnik. Klick: größere Ansicht.



Am Eingang zum Solitude, der Cliftonviller Heimat, hängt ein Schild, demnach nur Banner und Fahnen in den Klubfarben erlaubt seien. Im Stadion hängt ein Zehn-Punkte-Plan der UEFA, dass Rassismus und Sectarianism (also in etwa "Konfessionsgebundene Äußerungen") nicht erwünscht sind. "Keine Politik im Stadion" hat in Nordirland, in dieser zerrissenen Gegend, die nach 3500 Toten und nun knapp fünfzehn Jahren Waffenstillstand so sehr um die Abwesenheit von Gewalt ringt, eine völlig andere Bedeutung. Und tatsächlich, lege ich die drei besuchten Spiele als Maßstab zu Grunde, gibt es recht wenig direkte Anzeichen des Konflikts. Ein Union Jack, der im Oval hängt; eine Zaunfahne in irischen Farben bei den Reds; in den Gesängen der Portadown-Anhänger taucht das mit den militanten Loyalisten und den Rangers aus Glasgow verbundene "No Surrender" auf, aber das war es schon. Überhaupt, das schottische Old Firm wirft seine Schatten auf den Norden der irischen Insel, als sportlich hochklassiges Surrogat für den in dieser Klasse in Nordirland nicht auffindbaren Fußball. Wer Cliftonville mag, mag Celtic, wer sich katholisch / irisch / republikanisch fühlt, auch.

Neben der in Großbritannien unvermeidlichen Warnung davor, dass man gefilmt wird, der Hinweis, dass nur Klubfarben erlaubt sind. Klick: größere Ansicht.



Erstaunlich bleibt, dass es auch in den schlimmsten Zeiten des euphemistisch "Troubles" genannten Bürgerkriegs immer einen Ligabetrieb gab. Der Hass und die Gewalt, die beide Seiten ausstrahlten und leider auch auslebten und inmitten dessen Fußballspiele, die nicht selten eben nicht nur unterschiedliche Fußballfarben, sondern auch die Farben der verfeindeten Lager repräsentierten - schwer vorstellbar. Dass die Qualität des Fußballs wenig Möglichkeit hatte, sich zu entwickeln (mal abgesehen von der geringen Einwohnerzahl Nordirlands und anderen Faktoren wie der Tatsache, dass Fußball auf der grünen Insel diesseits und jenseits der Grenze einen anderen Stellenwert hat als anderswo) - geschenkt. Es gibt Orte, an denen wichtiger ist, dass überhaupt Fußball gespielt wird, als die Frage, wie dieser aussieht.


Epilog.
Während ich damit beginne diesen Artikel zu schreiben, findet im Solitude das nächste Playoff-Spiel statt. Linfield, 51maliger Meister (und Meister der letzten drei Jahre) ist zu Gast. Der große Liam Boyce bringt die Reds zweimal in Führung, doch Linfield gleicht beide Male aus, bis die Ergebnisdienste - einen Stream sucht man vergebens, natürlich - in der 90. Minute stehen bleiben. Und verharren. Und nichts geschieht. Und dann irgendwann, spät in der Nachspielzeit: Elfmeter! Für Cliftonville! Verwandelt! Aus, aus, aus. Cliftonville ist Meister, das vierte Mal in der 124jährigen Vereinsgeschichte und in 112 Jahren ununterbrochener Ligazugehörigkeit! Jetzt noch am 4. Mai das Pokalfinale gewinnen und die unglaublichste aller Saisons für den Nord-Belfaster Verein ist perfekt.

Dienstag, 10. April 2012

GrünWeisses anhören.

Heute gibt es von mir nichts zu lesen, dafür aber, wer mag, zu hören. Tobias und Anna machen den Grünweißen Podcast-Stammtisch und haben sich gestern über ihr Team, Werder Bremen, zwischen den Spielen gegen den ruhmreichen 1.FC Köln am vergangenen Samstag und dem heute gegen die Bökelbauern aus Ostholland unterhalten. Zu ersterem Thema hatten sie die überaus freundliche Idee, mich per Skype zu befragen, zu meiner Sicht des Spiels, des Vereins und der Restsaison. Anhören könnt Ihr Euch das HIER.

Donnerstag, 5. Januar 2012

Wahl zum Sportbloggerbeitrag des Jahres 2011

Zum dritten Mal steht dieser Tage die Wahl zum Sportbloggerbeitrag des Jahres ins Haus. Das ist eine gute Nachricht. Eine schlechte gibt es aber auch.
Die gute Nachricht ist: Es gibt eine Liste von 11 nominierten Artikeln, die aus einer vom Sportbloggernetzwerk über das Jahr hinweg gesammelten Vielzahl von Artikeln ausgewählt wurden, die ein großes Vergnügen darstellt. Da gibt es Perlen, Juwelen und Perljuwelen. Die gesammelten Werke findet Ihr in Madame Jekyllas "Fabulous Sankt Pauli" Blog. Habt Freude!
Kommen wir zu der schlechten Nachricht: Das Lesevergnügen kommt nicht umsonst. Am Ende steht für Euch, werte Leser, nämlich die schwere Qual der Wahl - welcher Artikel dann tatsächlich Sportbloggerbeitrag des Jahres wird, darüber entscheidet nämlich Ihr und Wir und Alle: Per Abstimmung, die auch bei Jekylla zu finden ist. Noch bis zum 15.1. habt Ihr die Möglichkeit Eure Stimme abzugeben.
Für mich persönlich hat das Ganze noch eine weitere gute Seite, ich stehe selbst nämlich auch auf der Nominierten-Liste, und zwar mit diesem Beitrag hier. Hurra! Eine Saalrunde für alle! Ich freu mich natürlich über jede Stimme, aber mal ernsthaft - da ist so viel verteufelt gutes Zeug dabei, dass die Nominierung an und für sich mich schon vor Stolz platzen lässt. Also, lest Euch die Augen wund und sucht Euch einen hübschen Artikel aus.
Viel Spaß.

Dienstag, 1. November 2011

Vom erbärmlichen Zustand des serbischen Fußballs.

Fußball in Serbien. Leidenschaftlicher Fußball meets noch leidenschaftlichere Fans, Bengalos, Hooligans, Roter Stern und Partizan, trickreicher südeuropäischer Fußball statt nordeuropäischem Gebolze, Schlitzohrigkeit und Härte. So spricht das Klischee. Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr wenn das Licht angeht:

Eine Woche Belgrad steht auf dem Programm, Fußballspielbesuch ist Pflicht - so denn möglich. Die erste Schwierigkeit mit dem serbischen Fußball ist nämlich dessen Unplanbarkeit. Sofern wir nicht in langen Recherchestunden völlig daneben lagen, scheint es in dem ehemals jugoslawischen Land üblich zu sein, Spieltage erst zwei Tage vor dem tatsächlichen Wochenende zu terminieren. So erfahren wir erst sehr kurz vor Abreise, dass es an unserem Ankunftswochenende kein Sonntagsspiel geben wird in Liga 1 und in Liga 2 kein Belgrader Verein sein Fußwerk an jenem Sonntag verrichtet. Aus Angst am Ende mit völlig leeren Händen dazustehen beschließen wir nach 24 Stunden Zugfahrt kurzer Hand gleich wieder in den Zug zu steigen und in die zweitgrößte Stadt Serbiens, nach Novi Sad, zu reisen. Dort trifft an diesem Sonntag in der zweiten Liga der FK Proleter Novi Sad auf den Lokalrivalen FK Novi Sad. Unsere Reise führt uns in einen Vorort, fast schon ländlich anmutende Dörflichkeit erwartet uns rund um den Sportplatz von FK Proleter. Den Ort des Geschehens Stadion zu nennen würde die Sache wirklich überhöhen. Immerhin behaupten serbische Zeitungen am nächsten Tag, es seien tausend Zuschauer anwesend gewesen, was uns ein arg optimistisch erscheint. Vielleicht aber waren es die ca. 80 Gästefans, die diese Zahl erklären - denn wie wir im weiteren Verlauf erfahren müssen, scheinen Gästefans in Serbien ein seltenes Phänomen zu sein.

fk proleter novi sad
Hurra, das ganze Dorf ist da! (Das Plakat verkündet dazu: Proleter schreibt man mit dem Herzen)

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Der Fußball der beiden Lokalrivalen ist leidenschaftlich, aber schlecht. Weder die einen noch die anderen hätten auch nur den Hauch einer Chance in der zweiten Bundesliga, aber Einsatz und Wille stimmen. In der zweiten Halbzeit verplätschert das Spiel vollends, bis plötzlich in der 87. Minute ein, sagen wir mal, äußerst schmeichelhafter Elfmeter den rot-weiß gewandten Gastgebern das 1:0 beschert - ein Umstand, der nicht mehr zu erwarten war. Schnell noch ein Bier im Vereinslokal, das allerdings mehr Wettbüro als Vereinslokal ist und ab nach Hause.

fk proleter novi sad
Eine seltene Gattung im serbischen Fußball: Gästefans. Mit Bengalos. Und acht Polizisten.

Unsere Sorge, in Belgrad selbst möglicherweise kein Spiel zu sehen zu können, erweist sich als völlig unbegründet: Mitte der Woche erwartet uns der serbische Pokal. Und der Fußballgott meint es gut mit uns: Sowohl der FK Crvena Zvezda (Roter Stern), als auch Partizan Beograd haben ein Heimspiel, die einen am Dienstag, die anderen am Mittwoch - da beide Stadien dieser ewigen Konkurrenten kaum mehr als einen Steinwurf voneinander entfernt liegen, spielen sie nie am gleichen Tag zu Hause.

Zunächst geht es also ins "Marakana" genannte Stadion des einzigen osteuropäischen Vereins neben Steaua Bukarest, dem es jemals gelang, den Landesmeisterpokal zu gewinnen: FK Crvena Zvezda, Roter Stern. Der Umstand, dass der Gegner ein Zweitligist ist, macht uns zwar geringe Hoffnungen auf ein gutes Spiel vor vollem Haus, doch was wir sehen, ist noch weniger als erwartet: 6242 Zuschauer verlieren sich im weiten Rund (das Stadion soll 2012 umgebaut und vergrößert werden, es stellt sich die Frage wofür), keinerlei Gästefans, immerhin, es gibt Ultras, die auch 90 Minuten durch singen und ab und an mit Bengalos wedeln, doch auch das reicht nicht, um wirklich Fußballatmosphäre aufkommen zu lassen.
Der Gegner, FK Banat Zrenjanin - immerhin Dritter der 2. Liga - mauert sich ein und bringt es auf insgesamt vier Konter. Dem ruhmreichen Roter Stern fällt dazu überhaupt nichts ein, es fehlt an Ideen, Laufbereitschaft und überhaupt allem, was erfolgreichen Fußball ausmacht. Bewegung kommt in die Sache, als Gastgeber-Torwart Vesic in der 70. Minute einen der seltenen Konter Banats außerhalb des Strafraums mit der Hand abwehrt, was eine rote Karte und den Einsatz des ghanaischen Abwehrspielers Lee Addy als Torwart zur Folge hat, da Roter Stern schon dreimal wechselte.
20 Minuten also Zeit für Banat diesen Umstand auszunutzen, doch - nicht ein Schuss auf das Tor Roter Sterns. Hilflos, chancenlos, erbärmlich. Und so richtet sich alles auf die Verlängerung ein, als in der 96. Minute ein vermeintliches Handspiel zu einem Elfmeter für den Favoriten führt. Wut und Entsetzen, Rudelbildung, eine rote und zwei gelbe Karte für die Gäste - nichts hilft, Roter Stern gewinnt das Spiel mit 1:0, erzielt in der regulären Spielzeit, also der 98. Spielminute. Der Schiedsrichter bleibt sicherheitshalber noch zehn Minuten auf dem Feld, bevor er sich in Richtung Kabine wagt.

fk crvena zvezda
Wer glaubt, dieses Foto sei Stunden vor dem Spiel entstanden, irrt. Fünf Minuten vor Anpfiff. Zugegeben, die andere Kurve ist voller. (Stadion Crvena Zvezda)

Nun gut, grauenhafte Pokalspiele eines großen Favoriten gegen einen unterklassigen Gegner kennen wir auch. Wir haben also Hoffnung, dass es am nächsten Tag besser wird: Partizan Beograd, zuletzt viermal in Folge serbischer Meister geworden, erwartet FK Metalac - immerhin Erstligist, wenn auch letzter der SuperLiga. Und tatsächlich: Es fallen Tore, ganz ohne zweifelhafte Elfmeter in der letzten Minute. Dummerweise steht es schon 2:0 in der zehnten Minute, in der wir aus mangelnder Ortsunkenntnis (die Kassen sind hundert Meter weiter, falls das mal jemand wissen muss) das Stadion betreten. In Folge dessen - Metalac kann nichts, Partizan will nichts mehr - sehen wir belangloses Geplänkel, das uns zwar noch zwei Tore schenkt, je eins pro Mannschaft, das aber so schlecht ist, dass sogar die Heimfans ihren Unmut äußern. Apropos Heimfans: 2968 sollen es gewesen sein, natürlich keine Gästefans. Traurig.

partizan beograd
Das wahrscheinlich modernste Stadion der Stadt mit dem Tempel des Hl. Sava im Hintergrund.

Vielleicht, so überlegen wir, liegt es ja am Wettbewerb und am Wochentag, dass der Fußball so wenig Menschen locken kann. So geht es also am letzten Reisetag schnell noch zum drittgrößten Verein Belgrads, dem OFK Beograd. Gegner ist FK Borac Čačak - Kellerduell in der ersten Liga, 11. gegen den 14.. Eine letzte Chance für den serbischen Fußball, uns Atmosphäre und Fußball von nennenswerter Qualität zu bieten. Wenigstens eines von beidem wäre schön - wie der geneigte Leser schon vermutet: Weder noch ist der Fall.
Im Gegenteil. 234 handgezählte Zuschauer in einem Stadion, dessen äußerst maroder Zustand zwar einigen Charme hat, aber die Leere auch nicht übertünchen kann und ein Fußballspiel, dessen grauenhafte Qualität alles bisher gesehene unterbietet. Je ein Elfmeter, der der Gäste verschossen, und ein eklatanter Torwartfehler bescheren dem Gastgeber einen verdienten 2:0 Sieg.

ofk beograd
Serbischer Fußball ist, wenn nicht mal die Menschen, die fast im Stadion wohnen zum fenster herausschauen. Aber immerhin gibt es Ordner.

Belgrad ist eine schöne, unbedingt sehenswerte Stadt. Der jugoslawische Fußball war einst eine wichtige Größe, und auch heute ist er so schlecht nicht, bedenkt man, dass drei ehemals jugoslawische Mannschaften in den Play-Offs für die EM stehen und Serbien nur knapp scheiterte, selbige zu erreichen. Und natürlich: Wer gut Fußball spielen kann, spielt nicht in Serbien, nur zwei Spieler des aktuellen Nationalmannschaftskader schnüren ihre Fußballschuhe für einen serbischen Verein. Aber nichtsdestotrotz: Die Zukunft des serbischen Fußballs sieht düster aus, wenn sich die Gegenwart so darstellt, wie sie es tut - Tristesse auf dem Rasen, Tristesse auf den Rängen, völliges Desinteresse aller Beteiligter, Besserung nicht in Sicht. Schade.

Sonntag, 26. Juni 2011

¡Adiós Millonarios!

Irgendwo in der Nähe von Comodore Rivadavia, in der unendlichen Ödnis Patagoniens. Wir sitzen in einem Überlandbus, zwei Ausländer unter circa vierzig Argentiniern, mittelfristiges Ziel Feuerland. An einer unscheinbaren Straßenkreuzung wird der Bus von einer Polizeistreife angehalten, es gibt ein kurzes Gespräch zwischen Busfahrer und Polizeibeamten, der schließlich in den Bus steigt und langsam durch die Reihen geht. Hier und dort bleibt er stehen um ein paar Fragen zu stellen, bis er schließlich bei mir angelangt ist. Diese Polizeikontrollen der Überlandbusse sind nichts allzu ungewöhnliches, auch wenn sie eher selten stattfinden. Mit übellaunigem Ausdruck spricht der Polizist mich an, mein rudimentäres Spanisch und seine Sprachgeschwindigkeit sowie sein Dialekt beschließen sofort keine Freunde zu werden, aber ich bin vorbereitet und fische das erwartete Wort Pasaporte aus seinem Redeschwall.
Während er mit ernstem Gesicht meinen Ausweis studiert werde ich leicht nervös, argentinische Polizisten haben nicht unbedingt den allerbesten Ruf. Bis dahin gab es keinerlei Problem - auch auf der weiteren Reise wird es keine geben - aber nun ja, er guckt sich ziemlich lange meine Papiere an. Schließlich blickt er mich an und stellt die Frage. Bei allerbestem Willen - ich habe keine Ahnung, was er von mir will, ein Umstand, der ihm durch das große Fragezeichen in meinem Gesicht veraten wird. Er fragt erneut, etwas ungehaltener, leider nicht weniger schnell oder undeutlich. Ich verstehe immer noch nur estación und zucke mit den Schultern um ihm zu verdeutlichen, dass ich nicht weiß was er von mir will. Ein drittes Mal wiederholt er die Frage, diesmal mit Zuhilfenahme der Hände, die jedoch Zeichen in die Luft malen, die ich leider ebenso wenig deuten kann. Mittlerweile ist auch das leise Geschnatter um mich herum verstummt, die Mitreisenden, so kommt es mir vor, sind von der Angespanntheit des Polizisten angesteckt und blicken ebenso erwartungsvoll auf mich wie er.
Schließlich hat er die Nase voll von diesem dummen Touristen, der offenbar nicht einmal die einfachsten Fragen versteht und wiederholt sie ein weiteres Mal, diesmal allerdings auf das Wesentliche reduziert und die Zeichen seiner Hände langsam und deutlich wiederholend: ¿Boca - die Hände malen einen Brustring auf sein imaginäres Trikot - o River? - nun zeichnen sie eine Schärpe.
Ich bin erleichtert, endlich hab ich ihn verstanden, doch die Erleichterung währt nur kurz, denn seine Miene und die gespenstische Stille um mich herum verraten: Die Frage zu verstehen reicht nicht, auf die richtige Antwort kommt es an. ¿River o Boca? - auf diese Frage weiß nahezu jeder fußballinteressierte Argentinier eine Antwort, selbst wenn sein Herz für eine ganz andere Mannschaft schlägt. Der Superclásico hält das ganze Land in Atem, niemand der nicht hinsieht, niemand der sich nicht für eine Seite entscheiden würde. Diese beiden Mannschaften, die beide aus dem Hafenviertel La Boca stammen, auch wenn River Plate schon lange in den schicken Stadtteil Núñez gezogen ist und seit 1938 seine Heimspiele im benachbarten Nationalstadion El Monumental abhält, sind das Nonplusultra im argentinischen Fußball, selbst dann, wenn einer der beiden mal eine längere Durststrecke in Sachen Titelgewinn durchmacht.

River Plate hat viele Titel gewonnen in der 110jährigen Geschichte des Vereins. 33 Meistertitel, insgesamt 68 offizielle Titel national und international, der mit Abstand Führende der ewigen Tabelle der argentinischen Liga, nie abgestiegen.
Bis heute. Die beiden Relegationsspiele gegen Belgrano aus Belgrano konnte River nicht gewinnen und so muss der national erfolgreichste Verein Argentiniens erstmals den Gang in die Nacional B antreten - und das obwohl die Abstiegsregeln einstmals extra so kompliziert konzipiert wurden, damit genau dies nicht passiert. Doch zwei extrem schlechte Vorsaisons sorgten für einen sehr schlechten Quotienten, der wiederum dafür... egal, kompliziert. ¡Adiós River!

...

Ich überlege kurz, ob ich versuchen solle, dem Polizisten klar zu machen, dass ich, wenn ich mich für einen argentinischen Verein entscheiden müsse, Independiente wählen würde, aber ich weiß, dass dies keine geltende Antwort wäre. ¿River o Boca? sieht nicht vor, dass ein dritter argentinischer Verein genannt wird. Also schüttelte ich den Kopf und radebreche daher, dass ich ja nur den einen Verein möge, den FC Cologne aus Alemania. Der Polizist gibt auf, vermutlich beschließt er in diesem Moment, dass Touristen merkwürdige Menschen sind, die zu verstehen es sich nicht lohnt, gibt mir meinen Ausweis wieder und zieht von dannen. Die verwirrten Blicke der Mitreisenden bleiben.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Die Metamorphose eines Artikels

Irgendwie werd ich sie nicht los, die Rolle als Medienkritikaster. Dabei hab ich nun schon oft genug hier und vor aller Welt Besserung gelobt. Aber die folgende kleine Geschichte ist eigentlich zu schön, um sie unerwähnt zu lassen.

Gestern berichtete ich von der Vorstellung des neuen Trainers des 1. FC Köln, Ståle Solbakken. Nachdem ich meinen kleinen, schlurchigen Eindruck abgeschickt hatte, warf ich einen schnellen Blick in die Medienlandschaft, um zu sehen, welche Reaktionen dort zu lesen seien. Dabei fiel mir, wie ich dann auch in einem P.S. zu meinem Artikel erwähnte, in einem Artikel des Kölner Stadtanzeigers folgender Satz auf: "Auch von der ansässigen Presse hat Solbakken laut eigenen Angaben viel Gutes gehört".

Ein Hohn, dieser Satz, denn jedem Menschen mit einem Hauch von Wissen über die Geschichte des 1. FC Köln und seinem Verhältnis zu den Kölner Medien war klar, dass Solbakkens lachend vorgetragenes Statement ("The way Cologne sold the club to me was very, very honest, they said that the press here was very very nice") nichts weiter als gutgelaunte Ironie war.

Nun gut. Die Kölner Presse verkauft einen ironischen Seitenhieb als ernsthaftes Lob. Darüber kann man sich ein wenig aufregen, muss man aber nicht. Es gibt Wichtigeres.

Doch offenbar war ich nicht der Einzige, dem dieser Satz aufstieß, in verschiedenen Foren wurde darüber geschrieben und vor allem: Unter dem Artikel fanden sich Kommentare, die sich kritisch mit ihm auseinandersetzten.

Irgendwann im Verlauf des gestrigen Tages oder Abends verschwand dann dieser Artikel und an seiner statt erschien ein neuer Artikel mit dem Titel "Stale Solbakken stellt sich vor" - allerdings unter dem gleichen Link zu erreichen, was bedeutet, dass die sich auf die merkwürdige Interpretation des Solbakkenschen Satz beziehenden Kommentare weiterhin lesbar sind.

Oder besser: waren. Heute morgen nämlich passiert zweierlei: Zum Ersten kommentiert der Kölner Stadtanzeiger seinen eigenen Artikel in Bezug auf die kritischen Kommentare und bittet die Leser "die tatsächlichen Zusammenhänge zu prüfen, bevor Sie unseren Autor diffamieren", der Artikel sei nämlich gar nicht von einem Redakteur des Hauses, "dieser Artikel war der Text einer Presseagentur, wie Sie im Kürzel am Ende des Artikels erkennen konnten." Abgesehen davon, dass der interessierte Leser nichts mehr erkennen kann, da der ursprüngliche Artikel verschwunden war - googelt man den Satz, um den es geht, nämlich "Auch von der ansässigen Presse hat Solbakken laut eigenen Angaben viel Gutes gehört", so findet man Links zum Kölner Stadtanzeiger sowie zu diversen Foren und diesem kleinen Blog hier. Mit anderen Worten: Handelte es sich um den "Text einer Presseagentur", so war offensichtlich außer der größten seriösen Zeitung vor Ort niemand im ganzen weit(entfernt)en Land der Meinung diesen übernehmen zu müssen. Hm. Hm.
Zum zweiten - rund zwei Stunden später - verschwindet der neue Artikel "Stale Stolbakken stellt sich vor" aus dem Internetauftritt des Kölner Stadtanzeiger (ist allerdings noch über den von mir angegebenen Link auffindbar und auch, wenn man explizit nach dem Titel sucht, über die Suchmaske der Zeitung zu finden) und wird durch den Artikel "Deutsch als erste Verpflichtung" ersetzt. Dieser ist hundertprozentig deckungsgleich mit seinem Vorgänger, nur der Link und der Titel ist ein anderer. Und, huch, die kritischen Kommentare sind auch verschwunden, die stehen ja schließlich unter dem alten Artikel.

Qualitätsjournalismus, altes Haus, sag mal, brauchst Du mal ein bisschen Nachhilfe?

So, und nun wieder zu Wichtigerem.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Liebe Marketingfuzzis von Adidas,

Ihr habt Euch ja offenbar gedacht, dass es in Zeiten von Social Media und Konsorten to-tal toll cool krass wäre, zu jedem neuen Adidas Trikot ein Video auf YouTube zu veröffentlichen, in dem dieses vorgestellt und von einem Mann, der vermutlich einen Trikotdesigner darstellt oder vielleicht auch einer ist, was ziemlich egal ist, fachmännisch kommentiert wird. Super Sache. To-tal innovativ.

Nun sehe ich das Trikotpräsentationsbegleitvideo über das neue Auswärtstrikots des FC Schalke 04 und sehe nicht nur, sondern höre auch und bin.. ja nun.. verdutzt.

"Das Besondere am Design ist die Nadelstreifenoptik (Dramatische Musik) Sie erinnert an eins der beliebtesten Trikots aus den frühen achtziger Jahren (Dramatische Pause in dramatischer Musik) Spieler und Fans sollen dadurch auch motiviert werden, an alte Erfolge von früher anzuknüpfen."

Ähm.

Also, Jungs, ich bin nicht so ganz sicher, ob ich Euch folgen kann.

Welche Erfolge in den frühen Achtzigern meint Ihr denn so? Den ersten Bundesligaabstieg des FC Schalke 04 in der Saison 80/81? Oder den im Jahr 83?

Oder gehts um die Aufstiege? Demnach sollen also die Schalker Spieler versuchen an die Aufstiegserfolge anzuknüpfen? Wenn sie erst mal abgestiegen sind, oder wie oder was?

Ich bin verwirrt.

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