Dienstag, 2. August 2016

Eine Begegnung bei Rosi's

[Was im Jahr zuvor geschah.]

Es ist gar nicht so einfach, ihn zu fassen zu kriegen, den Spielbeobachter, den Mann, der es schaffte, zwei Mal hintereinander im Finale des DasTunier™, des großen Fußballsturniers des tkschlands zu stehen.
Kein einziges Interview hat er den Medien gegeben seit jenem Moment, in dem sich alles änderte für ihn, seit jenem Moment, in dem der große Traum der Titelverteidigung seinen traurigen Tod starb, jenem Moment, in dem die Hoffnung seinen Fuß verließ und sich auf den neun Meter langen Weg machte, um nie da anzukommen, wo sie hin sollte. Untergetaucht sei er, so heißt es und in der Tat wir haben enorme Schwierigkeiten ihn aufzufinden. Die Schwester der Nachbarin des Schwippschwagers der Putzfrau eines ehemaligen Jugendfreundes ist es schließlich, die uns auf die richtige Fährte bringt und deren zu Dank wir eine Telefonnummer erhalten. Am anderen Ende meldet sich eine Stimme, unbekannt, männlich, ohne sich vorzustellen. Sie verrät uns, wo wir ihn finden. „Rosi's Tränke“ heiße die Kneipe, am besten gehen wir schon vormittags hin, da „ist das mit dem Alkohol noch ganz in Ordnung, später wird es halt schwierig mit der Sprache, Sie verstehen schon“. Die Stimme legt auf, und wir machen uns auf den Weg.

„Bei Rosis“ ist nicht gerade die Haute-Couture der Gastronomie, an den Wänden hängen vergilbte Poster der Siegermannschaft des DasTunier™ 2015, aus der Jukebox läuft Moskau von Dschinghis Khan und in der Luft steht der dichte Qualm schlechter Zigaretten. Und tatsächlich, hinten am Ende des Tresens sitzt er, der Spielbeobachter, vor sich ein „Herrengedeck“, eine Molle und ein Korn, dem im Verlauf unseres Gesprächs noch mehrere folgen sollen.

Er ziert sich, als wir ihn ansprechen, man könnte auch sagen, er flucht und schimpft, aber nach langer Diskussion ist er schließlich bereit zu einem Interview.


Herr Spielbeobachter, es ist ja nicht so einfach Sie zu finden, schön, dass es doch noch geklappt hat.

Schön? Ich geb Dir gleich schön, Du Hans Wurst!

Äh. Doch, doch, wir finden das durchaus schön, schließlich haben Sie sich ja noch gar nicht geäußert zum diesjährigen DasTun..

Hasscup. Das Ding heißt Hasscup. Geh mir weg mit dieser Scheißkommerzialisierung. DasTunier, wenn ich das schon höre! Du hast als Kind bestimmt zu oft Zuckowski oder wie der Vogel heißt, gehört, dass Du auf so einen Scheiß reinfällst.

Wir atmen durch. Das wird noch zäher als gedacht.

Herr Spielbeobachter, es war ja von vorneherein klar, dass es schwierig werden würde mit dem erneuten Titelgewinn, es sind ja einige Stammkräfte weggebrochen und die Mannschaft musste fast völlig neu zusammengestellt werden.

Stammkräfte, Schmammkräfte. Das ist doch alles Kokolores, was Du hier erzählst, Junge. Klar, da waren einige nicht dabei vom letzten Jahr, der Collini hat lieber in der Sonne gesessen und der Reese hat sich verdünnisiert, und der Ralle war in Hollywood oder so, klar, die waren nicht da. Aber egal, wir hatten trotzdem gute Leute. Allein um den jungen Jayjay war es schade, der hätte uns Spaß gemacht.... Aber benutz doch auch mal Deinen Kopf, Junge, ein einziges Mal in Deinem unnützem Leben, da waren doch Topleute am Start. Pferdelunge Henry Senior, was der gerannt ist! Und hier, der Rebiger, anfangs jedenfalls. Und natürlich unsere beiden Nachwuchskräfte Tjark und Henry Junior. Was die gespielt haben! Bombenjungs!

Und natürlich der Kapitän.

Ah, ja, der große Kamke. Fantastisches Turnier gespielt. Torschützenkönig, MVP in jedem Spiel, selbst wenn wir gar nicht gespielt haben. Toll. Und der Teqqy, vergiß den mal nicht, Du Pfeife!

Es fing ja auch ganz gut an.

Ja, sicher. Gegen #Twerder. Dolles Spiel. Ich hab da ja sogar ein Tor gemacht. Als Verteidiger, ha! Lag halt am tollen Sololauf von Kamke vorher.

Fast wirkt er jetzt etwas aufgeräumt und die Angst, dass er uns gleich das leergetrunkene Schnapsglas um die Ohren wirft, schwindet das erste Mal.

Erst dachte ich ja, das war's. Wenn man mit einem klaren 3:0 Sieg in das Turnier startet, dann kann einen ja eigentlich nichts mehr aufhalten. Aber so im Nachhinein muss ich sagen.... ich hab da schon gemerkt, dass ich körperlich nicht voll austrainiert war. Aber schreib das nicht, Du Flitzpiepe, sonst glauben die Leute noch, ich würde nach einer Entschuldigung suchen!

Dann kam die erste Begegnung mit #allesraushauen

Rosi! Ich brauch Nachschub!

...

Was soll ich sagen? Hat ja jeder gesehen, wie Rebiger vom Platz getreten wurde und die Herren in Gelb daneben standen und fröhlich "You never walk alone" vor sich hinpfiffen. Dass die direkte Folge der völlig unberechtigte Ausgleich war, hat auch jeder gesehen, ich mein, wie soll ich denn drei Stürmer aufhalten, alleine, wenn da zwei Meter entfernt der Rebiger liegt und vermutlich für den Rest seines Lebens nie wieder richtig laufen kann? Ich bin doch auch keine herzlose Maschine!

Der Korn kommt und verschwindet und mit offenbar bekannter Geste wird ein neuer bestellt.

Im Spiel zwischen #twerder und Rot-Weiß Fressen fiel dann ja das Tor des Turniers, das berühmte Hackentor des jungen Eschers. Stimmt das Gerücht eigentlich, wonach der Spieler schon so gut wie verpflichtet war für Ihre Mannschaft?

Was heißt denn „so gut wie“, Freundchen? Der war fest eingeplant. Der hatte unser Trikot ja schon an. Und dann wechselt der plötzlich. Und dann standen wir da, vor dem letzten entscheidenden Gruppenspiel, ohne Auswechselspieler. Escher abgeworben, Rebiger fast ins Grab getreten! Zum Glück konnten unsere Wundermanager dann ja einen neuen Spieler aus dem Hut zaubern. Den Heynoon. Guter Mann, wenn er auch wirklich abartige Vorlieben hat, aber gut, das gehört hier ja nicht hin. Mussten wir uns ja erstmal einspielen und das im wichtigsten Gruppenspiel. Ham wa dann ja auch gewonnen. Müssen wir wohl, sonst wären wir ja nicht ins Finale gekommen, auch wenn ich mich nicht mehr so gut erinnern kann. Der Zusammenstoß, alles schummrig, mir brummte der Schädel.

Die Schnäpse wechseln jetzt schneller die Tresenseite. Die Jukebox spielt „Die weißen Tauben sind müde“. Wir müssen auf das Finale kommen.


Es gibt ja Stimmen, die ob der überaus defensiven Grundhaltung Ihrer Mannschaft davon sprachen, dass das Finale vercoacht war.

Vercoacht? Wer schreibt denn so einen Müll? Vercoacht. Alter. Vercoacht ist das neue Schwarz, oder was? Wir waren müde, am Arsch waren wir. Am Arsch! Auf der anderen Seite diese ganzen vor Kraft strotzenden Jünglinge wie der mirkchief, der Bimbeshausen, der Lindenau mit seinem Bums oder der BauerJaM. Eppinghover, fritzelisches – das sind doch alles Jungs, die gerade erst anfangen zu rennen. Wir rennen schon unser ganzen Leben lang. Musste hingucken, verstehste das auch. Der Kamke, wer auch sonst, macht das 1:0 und dann lassen wir sie rennen. Brauchste keinen Matchplan, hat ja auch super funktioniert bis kurz vor Schluß.... Haste Henry Senior gesehen? Was der da hinten abgeräumt hat? Sagenhaft. Und die Jungschen, der Tjark und der Henry Junior? Gerannt sind die, bis zum Umfallen. War alles richtig. Bis zur allerletzten Minute, bis der BauerJaM da diesen Glückssonntagsschuß zwischen drei Spielern durch zimmert.

Ein tolles Tor.

Ein tolles Tor? Ein Kacktor war das. So.

Wir könnten jetzt auch einen Schnaps gebrauchen. Das Neunmeterschießen..

Der Spielbeobachter senkt den Blick und entdeckt am Grunde seines Bierglases offenbar Interessantes. Wir warten. Jetzt bloß nichts falsches sagen.

Haste gesehen, wie der Kamke den reingezimmert hat? Weltklasse!

Haben wir, die Wiederholungen liefen ja tagelang auf allen Kanälen. Wir schweigen trotzdem lieber. Dann endlich:

War halt scheiße geschossen. Zuckt mit den Schultern, zündet sich eine Zigarette an und starrt Rosi an. Ich mein, wie sie jetzt alle den FCBlogin abfeiern, ich lach mich tot. Die Katze von Eimsbüttel oder was? Ich mein, klar, der hat das ganze Turnier über sehr gut gehalten, aber wenn er den nicht hält, hätte er gleich Eckfahne werden können. Eckfahne, verstehste? Den hätte ja sogar ich gehalten und zwar nachdem ich ihn geschossen hab.

Stört es Sie, dass alle Welt nur über Ihren verschossenen Neunmeter sprach, nur weil es der entscheidende war, obwohl insgesamt sechs von neun verschossen wurden?

Du Blendgranate! Das ist doch völlig Wurst, wie viele Neunmeter jemand verschießt, solange noch einer danach kommt, der ihn reinmacht. Der kam halt nicht. Und das war ich. Einfaches Einmaleins. In der Schule wohl lieber Deinem Hamster die Nägel lackiert, wa?

Sind die Gerüchte, dass Sie Ihre Fußballschuhe jetzt an den Nagel hängen und im kommenden Jahr nicht versuchen werden, den Titel zurückzuerobern, denn wahr?

Es folgt ein langer Blick und ein längeres Schweigen. Ein Schulterzucken, dann werden die Gläser geleert, auf den Tresen gestellt und Geld daneben gelegt. Er steht auf, winkt Rosi, klopft uns im Vorbeigehen auf die Schultern und schreitet mit leicht torkelndem Schritt hinaus.

Wir gehen hinter ihm her, sehen ihn von dannen schlurfen. Zwei Jungs mit Ball unter dem Arm, deren Weg er passiert, drehen sich zu ihm um und blicken sich an und fragen einander: „War das der Mars?“


[Anmerkung der Redaktion: Leider stand Herr Spielbeobachter für eine Autorisierung des Interviews nicht zur Verfügung. Wir haben ihn nicht erreicht.]


Foto: Teilzeitborussin

Dienstag, 12. April 2016

[Infografikmassaker] Es gibt keine Kleinen mehr

Seit geraumer Zeit hat die Großmannssucht der Rummenigges dieses Kontinents einen neuen Namen: Superliga. Je nach Modell möchten Europas erfolgreichste Vereine für immer unter sich bleiben (ECA-Modell) oder als Elitenwettbewerb der Eliten (UEFA-Modell) über der Champions League angesiedelt werden.
Der Grund dafür liegt auf der Hand: Angst vor sportlichem Misserfolg und vor allem vor dessen wirtschaftlichen Folgen. Ein Verein, der aufgrund falscher Planung oder in anderen Gründen liegendem Misserfolg ein paar Jahre das El Dorado der Champions League verpasst hat, hat nur wenige Chancen den Weg an die Fleischtröge wieder zu finden.

Dieser potentielle sportliche Misserfolg soll zukünftig keine Folgen mehr haben, ein längerfristiges Scheitern ausgeschlossen werden. Was anderswo der Sinn und Zweck des Sports ist, soll nicht länger existieren: der Wettbewerb.
Dabei sind diese Pläne schon längst in die Tat umgesetzt worden, wenn auch nicht mit der gleichen tollkühnen Unverfrorenheit, wie sie nun offenbar geplant ist. Und nicht nur einmal, sondern gleich zweimal.

1992/93 führte die UEFA die Champions League ein, sie ersetze den alten Europapokal der Landesmeister. Die erste wichtige Änderung zum vorherigen Wettbewerb war dabei die Einführung einer Gruppenphase. Diese sollte garantieren, dass die "großen Vereine" nicht durch das sportliche Scheitern in Hin- und Rückspiel weitere Einnahmen verlören. Über die Dauer einer Gruppenphase, so war die Hoffnung, würden sich die großen Vereine berappeln können und am Ende durchsetzen. Als zweite wichtigere Neuerung wurden die Geldhähne aufgedreht, auf dass sich das durch die Einführung der Gruppenphase ermöglichte Weiterkommen auch richtig lohnen möge.

Das alles jedoch reichte den G14, der Vorgängerorganisation der European Club Association (ECA), nicht und so wurde in einem zweiten Schritt 1997 die Grundregel des Wettbewerbs - jeder und nur der Meister eines Landesverbandes ist qualifiziert - abgeschafft. Fortan waren bei einigen Landesverbänden auch die Zweitplazierten (Zwei Jahre später dann auch die Dritt- und Viertplatzierten) automatisch qualifiziert, während die Meister anderer Landesverbände sich erst qualifizieren mussten. Der Wettbewerb aller Meister wurde abgeschafft, die Tür geschlossen.

Während nun die nächste Eskalationsstufe gezündet wird, die endgültig verhindern soll, dass das sportliche Messen auf einer gleichen Grundlage stattfindet, frage ich mich, welche Auswirkungen denn die "Reformation" des höchstklassigen europäischen Wettbewerb hatte und hat. Und hab da mal was vorbereitet.

Was die folgende Grafik zeigt: Ich habe mir die vier besten Mannschaften einer jeden der 23 Champions League-Saisons angesehen und habe Punkte verteilt. 3 Punkte für den Sieger, 2 für den Finalisten, 1 Punkt für die Halbfinalisten. (Anmerkung: Ursprünglich hatte ich geplant, die Viertelfinalisten miteinzubeziehen, aber das Ergebnis war nicht viel anders, aber die Grafik wäre ungleich größer geworden). Das Ganze addiert und summiert und anschließend mit den Pokal der Landesmeister-Saisons von 1969/70 bis 1991/92 verglichen, also mit den letzten 23 Jahren dieses Wettbewerbs. So erhoffte ich am ehesten Vergleichswerte zu erlangen.

Und siehe da: Der Plan der großen Vereine ging auf. Die Welt ist kleiner geworden, oder um es mit Berti Vogts zu sagen: Es gibt keine kleinen mehr.
45 Clubs, denen es im Landesmeisterpokal im fraglichen Zeitraum gelang, das Halbfinale zu erreichen, stehen 30 Vereine gegenüber, die selbes in der Champions League vollbrachten. Das ist ein Drittel weniger. Und nicht nur am Ende dünnt das Teilnehmerfeld deutlich aus, auch sind die Häufungen an der Spitze klar größer geworden. Gewiß, auf den ersten Blick scheint es vorne gar nicht so unterschiedlich zu sein, dies hat jedoch andere Gründe. Sowohl dem FC Bayern (74 - 76), als auch Ajax (71 - 73) gelang es offenbar in einem bestimmten Zeitraum eine so gute Mannschaft zusammen zu stellen, dass der Pokal dreimal hintereinander gewonnen werden konnte. Das Gleiche gilt für Liverpool, die zwar nicht dreimal hintereinander, aber 77, 78 und 81 die Krone erlangen konnten. Anders der Fall in der Champions League, deren Titel ja bis heute nicht ein einziges Mal verteidigt werden konnte. Und trotzdem sind die Punktehäufungen (und analog dazu die Geldhäufungen bei den entsprechenden Vereinen) an der Spitze deutlich größer als in den 23 Jahren zuvor.

Noch deutlicher wird das ganze übrigens, wenn man sich den Spaß macht und mal die sagenwirmal ersten 13 Jahre der Champions League wegläßt, weil Folgen der Transition der beiden Wettbewerbe sich natürlich nicht sofort zeigen und, wie oben beschrieben, die Champions League auch nicht sofort die heutige Form hatte. Dann ist der Shift hin zu den groß0en vier, fünf Ligen, der schon so auf der Europakarte deutlich wird noch deutlicher. Die Ausreisser der frühen Jahre fallen weg.

Und als kleines Bonmot noch nebenbei: Auch auf nationaler Ebene hat die Einschränkung der sportlichen Wettbewerbskonkurrenz Folgen. Willkürlich habe ich die Anzahl der Meisterschaften der besten zehn Mannschaften beider Zeiträume gezählt. Das Ergebnis ist unten eingeklinkt.

Genug geredet. Grafiken sind ja dazu da, dass man sich das reden sparen kann. There you go [Disclaimer: Wie auf der Grafik angemerkt, habe ich mich für beide Zeiträume für eine aktuelle Europakarte entschieden um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Das ist natürlich historisch Superquatsch. Die UdSSR (bzw. Russland und die Ukraine), die CSSR (Tschechien), Jugoslawien (Serbien) sowie die BRD mögen mir verzeihen). So, nun aber:

Nach dem Klick öffnet sich die Grafik in größerer Ansicht.




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Montag, 10. August 2015

Blogparade: Mixtape mit 16.

Liebe Fußballfans, Ihr müsst jetzt ganz stark sein: Es geht nicht um Fußball. Nicht mal ansatzweise. Auch nicht ich-tu-mal-so-als-ob-und-dann-von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge. Die Sache ist nur die: Mein Musikblog wird noch geplant. Seit ca. 5 Jahren. Deshalb muss der heutige Text hier erscheinen. Ich hab ja nichts anderes.
Es war so: Der @lifeofmarco twitterte vor sich hin, dass er mal ein „Damals als ich 16 war“-Mixtape erstellen würde. Es entspann sich eine Plauderei, wie das wohl aussehen würde und flugs überlegten diverse Menschen, wie das wohl wirklich aussehen würde und die Idee einer Blogparade machte den Anfang. Den Anfang machte ganz genau der @nurdertim mit seinem Mixtape.
Hier also meins:

Wir schreiben die Jahre 1985/86. Gen der ersten Hälfte des ersten Jahres werde ich 16. Die ganze Welt ist von schlechter Musik besetzt. Doch halt, nicht die ganze Welt: Metallica, Sonic Youth und zum Beispiel Nick Cave bringen wichtige Platten heraus. Nicht eine davon höre ich zu der Zeit. Stattdessen das:

Seite A:
1. Hanoi Rocks - Up around the bend. 3:07
Vermutlich hab ich in irgendeinem Metalmagazin (Haha, es gab nur den Hammer) von dieser Platte gelesen, angehört, gekauft, geliebt. Die Finnen glamrocken. Dieses Cover ist der ideale Opener.
2. Charlie Sexton - I'm not impressed 4:22
Auch von dem damals blutjungen Charlie Sexton hab ich irgendwo (diesmal war's vermutlich das Musikexpress/Sounds) gelesen und ich glaube bis heute, dass ich der einzige Mensch bin, der das in Deutschland gehört hat. Was mir egal war. I loved it. Außerdem hatte Charlie die Haare schön.
3. Paul McCartney – Footprints 4:32
Eiserne Regel eines Mixtapes: Die 3. Nummer muss eine Ballade sein. Wer eignet sich da besser als Paule, den ich schon sehr früh toll fand, auch wenn die Platten aus den Mitachtzigern allesamt murks sind. Naja.
4. Peter Gabriel - We Do What We're Told (Milgram's 37) 3:22
Bleiben wir bei den Großmeistern: Dass ich die Sledgehammer-Platte kaufte und hörte war wohl eines der eher wenigen Zugständnisse an den Mainstream.
5. Les Rita Mitsouko - Marcia Baila 5:28
Nach zwei ruhigen Nummern muss es wieder los gehen: Nicht, dass Ihr glaubt, ich hätte mit 16 so eine coole Musik selbst gefunden: ich habe einen drei Jahre älteren Bruder und zu jener Zeit hatte er noch Einfluss, musikalisch.
6. The Smiths – Bigmouth strikes again 3:12
Viel Smiths hab ich da noch nicht gehört, soviel ist sicher (später auch nicht), aber auf einem Mixtape ging es gut, als Füller.
7. U2 – The new years day 5:35
Die heute unfassbar uncoolen U2 hingegen hab ich recht viel gehört, die ersten vier Platten finde ich auch immer noch ganz gut.
8. Siouxsie and the Banshees - Candyman 3:46
Siouxsie geht immer! Diese Stimme! Hach! Und überhaupt. Hach!
9. The Waterboys - The pan within 6:10
Die Platte „The whole of the moon“ hat mich lange begleitet. Wie schön diese Folkpopballade in psychedelisches abkippt.
10. Scorpions - Coming home 4:59
Ich habe genau zwei Platten von den Scorpions, eine Liveplatte aus den 70ern und die Love at first sting. Die hab ich auch gehört. Ja doch. Tut mir leid.

Seite B:
1. The Alarm - Across the border 3:39
Wir beginnen mit einem Kracher. Nein, wirklich. The Alarm wurden später unangenehm nichtssagend, aber das hatte noch Biss.
2. Kiss – Warmachine 4:17
Ein Mixtape ohne Kiss ist kein Mixtape. Was sich bei Mixtape-für-Herzensangelegenheiten manchmal als problematisch erwies. Zum Glück ist das hier keins.
3. Love and Rockets - Life in Laralay 3:33
Love and Rockets sind Bauhaus ohne Peter Murphy. Liefen rauf und runter. Runter und rauf. Bauhaus aber auch. Aber obskurerweise tatsächlich erst L&R, dann später Bauhaus.
4. Prince - Paisley Park 3:25
Die „Purple Rain“-Platte besaß ich und obwohl es insgesamt auch damals schon nicht meine Musik war, kam die „Around the world in a day“ noch hinterher. Wiesoweshalbwarum ich die dann mehr hörte, als das Hitalbum, keiner weiß es.
5. Bronski Beat – Smalltown Boy 4:57
Ich erwähnte ja den brüderlichen Einfluss bereits, hier ein weiteres Exemplar dieses Einflusses.
6. Extrabreit - Das Tier in Dir 3:28
Extrabreit sind ernsthaft einer der unterschätztesten deutschen Bands. Flieger, die Schule brennt, Polizisten (letzteres ist wirklich gut) – geschenkt, der Rest der Nummern ist super. Bis zur „Europa“, allesamt exzellente Platten.
7. The Cure - Kyoto song 4:16
Cure gehörten eigentlich erst ein, zwei Jahre später zu meinem Repertoire, aber die „The Head on the door“ hab ich mir schon bei Erscheinen zugelegt. Vermutlich wegen „In between days“. Kyoto Song ist cooler.
8. John Watts - One Voice 3:45
John Watts war und ist der Kopf von Fischer-Z und deren Hörgenuss, sowie auch den der Soloplatten Watts' hab ich auch dem Bruder zu verdanken. Danke, Bruder.
9. Bryan Adams – Summer of 69. 3:41
Ich muss weg..... HERGOTT, ich war jung und brauchte den Rock. Tut mir leid.
10. Led Zeppelin - Achilles last stand 10:25
Die dazugehörige Platte „Presence“ hatte mir eine Ferienbekanntschaft überspielt, bis dahin kannte ich nur Stairway to heaven. Und herrje, das war wirklich ein Augenöffner.

Montag, 29. Juni 2015

Die Wunderelf von 2015 - Eine Reminiszenz

„Ach ja....“ Wie so oft, wenn man sich mit dem Spielbeobachter über die vermutlich beste Zeit seiner Karriere, wenn nicht gar seines Lebens, unterhält, wandert sein Blick verträumt in die Ferne. Dorthin, wo seine Erinnerungen gespeichert sind, die Erinnerungen an einen der legendärsten Wettbewerbe aller Zeiten, DasTunier™ von 2015, jene Spiele, über die noch heute jedes Kind spricht. Und natürlich die Wunderelf, jene Mannschaft, deren überragende Leistungen nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass dieser Wettbewerb so in der Erinnerung der Menschen verankert ist. Die Wunderelf, Reesenball Felge, im Volksmund auch Flgrll genannt, von der der Spielbeobachter ein Teil war. Er macht eine wegwerfende Handbewegung, „Ach was, da sind wir uns doch wohl hoffentlich einig, junger Mann, dass ich da nur der kleinste Teil der Mannschaft war“. So ganz läßt sich das nicht abstreiten, neben den großen Namen dieses Teams verblasst der seine ein wenig, aber beginnen wir von vorne:

„Ich kam ja erst ein wenig später zur Mannschaft, da stand das Grundgerüst aus Kamke, Reese und Collini ja schon.“ erzählt der Mann, der dann schlussendlich auf der linken Außenverteidigerposition landete. „Da wollte halt keiner hin, ich hatte das noch nie gespielt, aber man spielt halt da, wo einen das Team aufstellt“ sagt der Berliner lachend. Und dann wird er wieder still und verliert sich in den Gedanken an die goldene Zeit. „Es war ja damals gar nicht so einfach,“ unterbricht er dann plötzlich die Stille „Im Vorfeld zumindest. Die Emotionen zwischen den beteiligten Mannschaften kochten hoch, wenn Sie sich erinnern, alle Welt sprach plötzlich nur noch vom Hasscup. Und unsere Mannschaft, herrje, es dauerte ewig, die zusammen zu stellen, das Team Ü100 war schon längst damit beschäftigt, die Taktik auszuarbeiten und das Team Bucksen hat heftig an der Kondition gearbeitet, während bei uns noch im Hintergrund an der Mannschaftszusammenstellung gebastelt wurde. Ob felgenralle zum Beispiel dabei sein würde, war erst einen Tag vorher klar. Und unser Wunderstürmer, der blutjunge JayJay, dessen Anwesenheit war auch so eine unklare Sache...“ Er wird jetzt lebendiger, der Weg, den die, den Worten Nachdruck verleihenden, Hände nehmen, beschreiben den Druck, der im Vorfeld herrschte, sehr gut.

„Dann war der Tag da, es war endlich soweit, und es geschah.... ja, wie soll ich es sagen,“, fast muss man befürchten, er falle wieder ins Schweigen, doch er sucht nur nach Worten „ja, also eigentlich .. so muss sich Magie anfühlen, also nicht, dass ich an so etwas glauben würde, aber als wir den Geist der Ostkampfbahnumkleidekabine verspürten, da, ich glaub, das ging uns allen so, da wussten wir, also ich wusste und doch, ich bin mir sicher, die anderen auch, heute ist etwas Großes möglich.“ Da ist er plötzlich, dieser entschlossene Zug um den Mund, den wir von den unzähligen Fotos jener Tage kennen, die wir alle tausend Mal sahen und sich in unser kollektives Gedächtnis brannten.

„Und dann standen wir endlich auf dem Feld und eigentlich wurde erst da unsere Aufstellung klar. Vorne drin der Abstauber oder JayJay, um ihn herum und in der Defensive wirbelten, passten und sicherten ab der Kamke, Reese und / oder Ralle und hinten stand Collini wie ein Fels in der Brandung und rechts beackerte Nember die Linie und links, nun ja, ich. Und schließlich im Tor der Teqqy. So war der Plan, auch wenn wir anfangs noch auf Teqqy verzichten mussten.“ Wie jedes Kind kann natürlich auch der Spielbeobachter die Aufstellung der Wunderelf im Schlaf aufzählen.
Im ersten Spiel ging es dann gleich gegen einen der Geheimfavoriten, das Ü100-Team. „Vor der Defensive hatten wir wirklich Sorge, wie jede andere Mannschaft auch“ erzählt der tkschlandsieger. „Dann kam die Nachricht, dass der Kopf der Mannschaft, der große LLEnzo, lieber irgendwo Vertragsverhandlungen führte als sein Team zu führen, da wußten wir, wir können es schaffen. Aber trotzdem dauerte es ewig, bis der Knoten platze...“ Hier verstummt er wieder und macht nur eine vielsagende Geste, und wir wissen, dass er auf seinen größten Moment des DasTuniers, wenn nicht gar seines Lebens, anspielt. Wie er nach diesen nicht enden wollenden gut zwei Minuten, in denen nur wenig gelang und die Verkrampfung und der Druck die Mannschaft schier erdrücken wollte, an der linken Seite hochmarschierte, den Ball bekam und auf das Tor schoss, dem gegnerischen Torwart keine Chance ließ, als das der ihn abprallen lassen musste und diesen zweiten Ball dann unnachahmlich hinein ins leere Tor hineinkullern ließ. „Dieses Gefühl wo ich gar nicht beschreiben kann, das war unheimlich“ grinst der Mann, dessen einziges Tor dieser Eröffnungstreffer bleiben sollte.

„Danach brachen die Dämme. Beim Gegner genauso wie bei uns, nur dass bei uns der Wirbel aus Kamke, Reese und Ralle und dem Abstauber vorne drin die Flutwelle war.“ 5:0 war das Endergebnis, der gefürchtete Gegner, der eine 1-5-1 Taktik angekündigt hatte, vom Platz gefegt. „So gingen wir guter Dinge ins zweite Spiel gegen die Bucksen-Truppe“ sagt er, doch sogleich legt sich seine Stirn in Sorgenfalten. Wir wissen warum, dieses legendäre Spiel ist in alle Annalen eingegangen. „Erst war da dieser furchtbare Moment der Verletzung des Bucksen, als wir alle dachten, der stirbt uns jetzt hier auf dem Feld, das war wirklich gruselig, ich höre noch heute das Scheppern und Krachen und Knallen des Pfostens“ Zum Glück war es nur der große Zeh, der dran glauben musste. Aber nicht nur Bucksens Zeh trübt die Erinnerung an dieses Spiel, auch die Leistung des linken Verteidigers. Angriffswelle über Angriffswelle der Bucksen-Truppe rollte über seine Seite, nicht immer sah der Spielbeobachter dabei gut aus, manches Mal musste er dabei zu unfairen Mitteln greifen, insbesondere wenn die Angriffe aus dem Kölner Süden kamen. „Haha,“ seine Miene hellt sich auf, „ja, da hab ich ein paar mal ordentlich zugelangt, aber der Schiri hat nichts gesehen. Schade eigentlich, ich war gerade so gut in Fahrt, dem hätte ich auch noch eine mitgegeben.“ Linke Außenverteidiger haben einen merkwürdigen Humor.

Doch zum Glück für seine Mannschaft bestand selbige nicht nur aus ihm. Vorne wirbelten sie schon wieder, immer unterstützt „vom unermüdlichen und groß aufspielenden Collini – er hat gesagt, das soll ich sagen, aber schreib das bloß nicht, sonst krieg ich Ärger“, und schließlich fielen die Tore auch in diesem Spiel. Bis zu jener verhängnisvollen Minute, in der der Spielbeobachter den Ball am eigenen Strafraum vertändelte und so das erste Gegentor verursachte. „Zum Glück stand es da schon 3:0, aber trotzdem wurde es da ungemütlich in der Mannschaft“.

Der Endstand war 4:1 und der Einzug ins Finale konnte nicht mehr genommen werden. „Aber dieses Gegentor hätte uns beinahe zerstört, es ging ein Riss durch die Mannschaft, plötzlich bildeten sich Grüppchen und das so kurz vor dem Finale... Da mussten wir uns dann zusammenraufen. Ich weiß noch genau, wie der Collini nichts machte und Reese und Kamke rumstanden und niemand hielt eine Rede. Das war emotional sehr beeindruckend und ein Ruck ging durch die Mannschaft und jeder einzelne wusste plötzlich wieder, was auf dem Spiel stand. Das war ein echter Gänsehautmoment, wenn Sie wissen was ich meine, ne?“

Dann war es endlich so weit, das Spiel der Spiele wurde angepfiffen, Reesenball Felge gegen die Freien Turner. „Die hatten in den Vorspielen ja schon gezeigt, was sie drauf hatten und wir hatten ziemlich viel Respekt vor ihnen. Und dann dieser eine Ball ganz am Anfang des Spiels... wer weiß, was passiert wäre, wenn der reingegangen wäre, dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen“. Der Spielbeobachter meint natürlich diesen unfassbaren Ball, der von der Mittellinie aus auf das Tor der Reesenballer kam und lang und länger wurde und in letzter Sekunde vom brillanten Torwart teqqy abgewehrt werden konnte. „Dann kam das 1:0 für uns, ich weiß gar nicht mehr, wer das war und postwendend der Ausgleich, da wussten wir, oha, das hier ist eine noch schwerere Aufgabe als die Spiele zuvor, zumal wir dann ja das 2:1 machten und die schon wieder sofort ausglichen.“

Am Spielfeldrand eskalierten die Fans, die eher auf der Seite der Freien Turner waren. „Ja, die mochten uns nicht“ sinniert der ehemalige Fußballer, „ich weiß gar nicht, was da los war, das mit den Pyros war ja hübsch und dann immer diese Sprechchöre gegen uns“. Er schüttelt den Kopf. „Egal, lass die Leute reden, was zählt ist die Tatsache, dass wir dann noch zwei Dinger vorne gemacht haben und die keins mehr. Zwei plus zwei macht vier und zwei plus null macht zwei,“ - Da ist es wieder, das berühmte Bonmot, das heute zu einem geflügelten Wort geworden ist, wenn man beschreiben will, dass man gegen viele widrige Umstände eine großartige Leistung abgeliefert hat.

„Und dann der Schlusspfiff, da brach alles aus mir heraus und über mich herein und ich wusste gar nicht mehr, was ich tat und dann hab ich was verrücktes gemacht und den Reese umarmt. Tja, na ja gut, tkschlandsieger wird man ja auch nicht alle Tage, ne?“ Er lacht jetzt über das ganze Gesicht bei der Erinnerung an diesen glücklichen Moment. Dann wird er wieder still. „Das ist ja so, da erreichst Du so etwas und dann merkst Du erst hinter her, wie Dir alles weh tut und was Dir alles passiert ist, ich zum Beispiel hab das letzte Viertel des Spiels mit einem fast beinahe gedehnten Band im Knöchel gespielt. Aber das merkst Du gar nicht in dem Moment, ne, und dann am nächsten Tag oder am übernächsten Tag, da merkst Du dann, jetzt ist wieder alles grau, ne. Und alles tut weh. Aber das war es wert, den Moment kann Dir keiner nehmen.“

Sagt es, blickt noch einmal in die Ferne den Erinnerungen hinterher, nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette, nickt, steht auf und schlurft davon. Einer von Neunen, die an diesem Tag in Köln die Welt eroberten. Nicht ihr Kopf, nicht ihr wertvollster Spieler, ein „Wasserträger“ und „Seitensteher“, wie er selber sagt, aber ein Welteneroberer.

tkschlandsieger
Foto: Die Wundervolle @rudelbildung

Sonntag, 31. Mai 2015

Im Gänseblümchenland

Werte Leserin, werter Leser, kennen Sie SOCAR? Ja? Gut, dann brauche ich ja nicht weiter reden.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass nicht: State Oil Company of Azerbajian Republic. Ah, Aserbaidschan! Das Land am Kaspischen Meer, dessen Brutoinlandprodukt zu 67% durch das Ölgeschäft zustande kommt, gefördert durch eben jenes in Baku ansässige Unternehmen. Was Sie vielleicht nicht wissen - und bitte verstehen Sie das unter keinen Umständen als Vorwurf - ist, dass SOCAR 100% des aufstrebenden Fußballvereins Qarabağ FK besitzt. Und zudem bedeutende Anteile an Rekordmeister Neftchi PFK sowie weiteren 16 (!) Erst- und Zweitligisten. Darüber hinaus heißt die Liga seit einigen Jahren SOCAR Premyer Liqası. Diese wurde übrigens gerade vor zwei Tagen gewonnen von, na? Genau, Qarabağ FK. Welch ein Zufall.
Liebe Leserin, lieber Leser, hören Sie sie auch trapsen, die Vetternwirtschaft, die Klüngel- und Mauschelei? Oder sollte ich sagen, hören Sie sie trampeln? Stampfen?

Dann tut es mir leid, ich habe Ihr Vertrauen brutal und hinterrücks missbraucht. Ich hab mir das alles ausgedacht. Also, nicht alles, SOCAR gibt es, Aserbaidschan gibt es, Qarabağ FK hat tatsächlich gerade die Meisterschaft gewonnen und Neftchi PFK ist Rekordmeister. Die Anteile habe ich mir ausgedacht, frei erfunden, aus den Fingern gezogen. Entschuldigung Aserbaidschan.

Die Zusammenhänge zwischen von mir zurecht gelogenen Anteilbesitzer und Meisterschaft haben Sie sich dazu gedacht, falls Sie das denn getan haben. Liegt ja auch nahe, nicht wahr? Kaukasus, irgendwo dahinten, wo die Korruption und dergleichen am Wegesrand blüht wie hierzulande die Gänseblümchen. Hierzulande jedenfalls würde so etwas nicht passieren. Da könnte ein teilstaatliches Unternehmen sagenwirmal den amtierenden Pokalsieger besitzen und zudem, mal aus der Fingern gesogen, Anteile an Bayern München und Aufsteiger FC Ingolstadt halten sowie als Sponsor beim HSV, Werder Bremen, Hannover 96, Eintracht Braunschweig, Hertha BSC, Schalke 04, Borussia Dortmund, VfL Bochum, Borussia Mönchengladbach, Werbung Leipzig, dem 1.FC Kaiserslautern, der TSG Hoffenheim, der Spvgg Greuther Fürth, dem 1.FC Nürnberg und 1860 München auftreten und zudem noch Haupt- und Premiumsponsor bei oben erwähntem Pokalwettbewerb sein und niemand käme auf den Gedanken, dass da etwas im Argen liegen könnte. Naja, gut, niemand nicht. Aber jene, die es erwähnen, herrje, das sind eh Spinner. Aluhütler. Verschwörungstheoretiker. Im besten Falle Neider.

Denn: In Deutschland wird nicht gemauschelt, nicht geklüngelt. Ist ja alles rechtens. Das darf so. Und wir sind hier schließlich im Land des Anstands und der Ordnung, da wird auch nicht gedopt. Oder bestochen, um eine Fußballweltmeisterschaft ausrichten zu dürfen. So etwas machen nur die anderen. Wir nicht. Niemals. Deswegen kann man auch seelenruhig zusehen, wenn ein solches Interessenkonflikte gebärendes Geflecht entsteht.

Ist das noch blinder Patriotismus und kann das nicht einfach weg?

Dienstag, 19. Mai 2015

Wettbewerb

Es begab sich in der Saison 2002/03 in der zweiten Bundesliga. Der ruhmreiche 1.FC Köln hatte mal wieder, wie so oft, jede Menge Ruhm nach Hause gebracht. Um diesen dann, wie noch weitaus öfter, weg zu werfen.

Eine Saison lang konnten wir ganz ohne jede Ironie singen, dass es niemand wagen würde, unseren effzeh zu schlagen. Na ja fast, am 26. Spieltag verlor die Mannschaft gegen die von Mainz, zu Hause. Ansonsten gab es eine gute Menge Unentschieden (derer elf) und noch mehr Siege (achtzehn) bis am 30. Spieltag das hochgesteckte Saisonziel erreicht war: der Aufstieg in die erste Bundesliga. Sieben Punkte Vorsprung auf Freiburg, Tabellenzweiter, zwölf auf einen Nichtaufstiegsplatz. Unschlagbar (fast).

Was folgte waren vier Niederlagen. Freiburg wurde Zweitligameister, der Abstand auf den Nichtabstiegsplatz betrug bloße drei Pünktchen. Beim ersten Spiel nach Aufstieg drückte man noch die Augen zu, der Aufstieg war Montags erfolgt, das Spiel darauf war Freitags, gut, das Feiern, der Alkohol, der Gegner war der zweitplatzierte SC Freiburg, die fehlende Anspannung, okay. Kann passieren. Dann aber folgten drei Niederlagen gegen Mittelfeldmannschaften, die sich bereits jenseits von gut und böse befanden.

Und es ging sehr viel kaputt. Oder alles. In der darauf folgenden Saison ging es wieder nach unten, deutlich, elf Punkte Rückstand auf den Tabellensiebzehnten. Der Grundstein für diese Katastrophensaison wurde in den vier letzten Saisonspielen zuvor gelegt. Dass die Party irgendwie wichtiger ist als auffem Platz, dass das ja alles nicht so wichtig ist, dass der sportliche Wettbewerb jenseits von Saisonzielen nicht ernstzunehmen ist, dass die Pflicht reicht und darüber hinaus kein Interesse herrscht. Das alles lernte die Mannschaft in diesen vier Spielen.

Die Verärgerung war übrigens groß. Nicht mal unbedingt seitens Fans anderer Vereine (andererseits: die sozialen Medien steckten noch in den Kinderschuhen, wer weiß also?), sondern in der eigenen Fangemeinde. Zu deutlich war das nachlassen. Zu deutlich der Mangel an Lust auf Fußball, die ja eigentlich Fans und Spieler verbindet. Und auch damals schon die, wie sich später herausstellte: berechtigte, Sorge um die Spätfolgen. Sorgen um die Mentalität der Mannschaft.

Ich glaube, die Fans des FC Bayern machen einen Fehler, wenn ihre einzige Reaktion auf die Kritik am Auftreten ihrer Mannschaft dieser Tage die verteidigende ist. Natürlich, eine Verurteilung in Bausch und Bogen wäre nach dieser überaus erfolgreichen Saison völliger Quatsch. Ebenso wie das Wort „Wettbewerbsverzerrung“, auch wenn es faktisch richtig ist, wenn ein vollkommen unbesiegbares Team plötzlich ein Spiel nach dem anderen verliert, weil es für es um nichts mehr geht und es somit in den Wettbewerb eingreift. Aber die einer Wettbewerbsverzerrung zu Grunde liegende Absicht zu unterstellen, ist eben das: Quatsch.

Aber Sorgen sollten sie sich machen, wenn die Mannschaft, wie im Rasenfunk schön vorgerechnet, zum zweiten Mal in Folge überproportional viele Spiele verliert, sobald der Meistertitel feststeht. Es mangelt an Sportlichkeit, an der Einstellung und beides ist wichtig, will man noch höhere Ziele als die nationale Meisterschaft erreichen, und das, so hört man, soll ja durchaus der Fall sein bei den Großkopferten aus München.

Nicht dass ich etwas dagegen hätte, wenn dieser Verein seine Ziele nicht erreicht, ganz und gar im Gegenteil, ich hätte halt dann nur gerne, dass der 1.FC Köln in Zukunft seine Spiele gegen die Bayern am Ende der Saison ausrichten darf. Herr Spielplangestalter, was würde das kosten?

Dienstag, 12. Mai 2015

Jenseits des Dnjestr. Ein Fußballreisebericht fast ohne Fußball.

„Aus Deutschland?“
Ganz offenbar sind meine Russischkenntnisse mangelhaft genug, dass mein Ausländerstatus sofort erkannt wird. Kaum verwunderlich, bestehen sie doch nur aus knapp zehn Worten.
Ich nicke, verwirrt. Nicht nur aufgrund des schnellen Erkennens, sondern besonders aufgrund der Tatsache, dass die Nachbarin des Marktstandes, an dem ich gerade einkaufe, ihre Worte auf Deutsch an mich richtet.
„Korrespondent?“
„Tourist“
„Kommunismus angucken?“ Sie lacht.
„Auch. Und Fußball.“ Jetzt guckt sie verwirrt.

Wir befinden uns in Transnistrien. Oder, wie die einheimische Bevölkerung sagt, in Приднестро́вье / Pridnestrowje. Wir, das ist eine Reisegruppe befreundeter Unioner, die seit 2007 alle zwei Jahre durch Europa fährt, um an einem obskuren Ort Fußball zu sehen. Und um zu reisen. Uns Groundhopper zu nennen, würde diese Art von Fußballanhängern allerdings beleidigen. Wir sind eine potentiell elfköpfige Gruppe, da sind Terminfindung für bis zu zehn Tage Urlaub wichtiger als Spielansetzungen. Die Ziele werden auch nicht nach fußballerischen Gesichtspunkten ausgewählt. Und die Reiseart (Flugzeug nur wenn nötig und wenn, dann nur auf dem Rückweg) tut ihr übriges. So wird dann die Zahl der tatsächlich sehbaren Spiele zu einer Risikowette, welche in diesem Fall leider eher negativ ausging. Soll heißen: Warnung! Dieser Blogbeitrag enthält wenig kaum Fußball.

Nach Belarus, Belgien, Belgrad und Belfast gingen uns die Ziele, die durch die erdachte Zielfindungsnamensregel erkoren wurden, aus. Eine neue musste her, et voilà: Tiraspol in Transnistrien. Auf der Obskuritätsskala ziemlich weit oben. Ob des unfassbaren Bildungsstandes meiner Leser brauche ich dazu eigentlich nicht viele Worte über das Ziel zu verlieren, da ich aber nicht viel über Fußball schreiben kann, mache ich es trotzdem. Transnistrien liegt östlich von Moldawien, also direkt neben der Ukraine. Und hier begegnen wir dem ersten Obskuritätslevel: Je nachdem, wen man fragt, ist Transnistrien keineswegs ein eigenständiges Land, sondern Teil Moldawiens. Genau genommen antworten offiziell alle so. Außer Abchasien und Südossietien, Länder also, die ebenfalls von niemandem anerkannt werden. Selbst Russland erkennt die Pridnestrowische Moldauische Republik, so der offizielle Titel, theoretisch nicht an, auch wenn es sich anders verhält und davon auch profitiert. Dazu später mehr.
Im Zuge der Auflösung der Sowjetunion jedenfalls erstarkten in Moldawien ethnisch-nationalistische Kräfte, die gen Rumänien strebten und Politik gegen russische Ethnien sowie die russische Sprache betrieben. Beides zu Hause östlich des Dnjestr, also in Transnistrien. Es kommt zu einer Unabhängigkeitsbewegung von der Unabhängigkeitsbewegung und zu einem bewaffneten Konflikt zwischen 1990 und 1992 und endet vorläufig in einem Einfrieren des Konfliktes und einer De-facto-Unabhängigkeit unseres Ziellands. Dieses trägt Hammer-und-Sichel noch in der Fahne und im Wappen und eine ungetrübte Liebe zu Russland zur Schau, nicht nur offiziell sind russische Fahnen keine Seltenheit, auch die Bevölkerung zeigt sie oft.
Im Land stehen laut Wikipedia 1200-1400 russische Soldaten, was in Zeiten des Ukrainekonfliktes zu Spannungen mit dem Nachbarland führt. Auch finanziell unterstützt Moskau das Land, in dem es allerdings einen allumfassenden Konzern gibt, dessen Verflechtungen mit dem „Staat“ nicht immer transparent sind. Sheriff heißt er, und der geübte Fußballfan, so er denn noch nicht entnervt aufgehört hat zu lesen, erkennt hier einen ersten zarten Hinweis auf Fußball. Denn nicht nur Supermärkte, Tankstellen, Bauunternehmen, Spirituosenfabriken, Bäckereien, ein Fernsehsender sowie das transnistrische Mobilfunknetz gehören Sheriff, sondern auch der beste moldawische Fußballverein.

Aber, so leid es mir tut, vor den Fußball hat der Reisegott die Anreise gesetzt, weitere Geduld ist gefordert. Nach dem Zug nach Warschau steigen wir nämlich in den ersten Nachtreisezug, der uns nach Kiev bringt. Zehn Stunden Aufenthalt haben wir dort. Perfekt für einen Rundgang durch die wunderschöne Stadt, ausreichend um eine grobe Anmutung davon zu bekommen, in welcher Stimmung sich die Stadt rund um den umkämpften Maidan befindet. Die gute Nachricht: Auf diesen natürlich reichlich oberflächlichen Eindruck hin macht die Hauptstadt der Ukraine einen äußerst friedlichen Eindruck. Die schlechte: Neben den vielen blau-gelben Farben, die überall zu sehen sind, sind auch die rot-schwarzen des Prawji Sektor, des Rechten Sektors, wahrlich keine Seltenheit. Gezeigt von Menschen, die uns im Gespräch erzählen, sie wunderten sich darüber, dass es nicht noch mehr Unterstützung aus Deutschland für ihre Sache gäbe, schließlich hätten Deutsche und Ukrainer damals auch so gut zusammen gearbeitet. Damals, vor 45. Während es uns kalt den Rücken herunter rieselt, wird deutlich: Wer hier mit einseitigen Klarheiten hantiert, übersieht die Hälfte.

fk proleter novi sad
Hübsches, vom Park aus einsehbares Stadion, leider ohne Spiel

Für unsere Reisegruppe, und leider auch für die auf Fußball wartenden Leser, heißt die schlechte Nachricht des Tages: Das erste der beiden erhofften Spiele, Dinamo Kiev gegen Hoverla Uhzgorod, wird für uns nicht stattfinden, weil es nicht stattfindet: Es ist kurzerhand auf Montag verlegt worden. Sehr ärgerlich, aber nicht zu ändern. Also ab in den nächsten Nachtzug, der uns nach Odessa bringt, von wo aus wir uns sofort auf zum nächsten Marschrutka machen, der uns an die ukrainisch-transnistrische Grenze bringt. Was genau genommen ein Fehler ist, mit dem Zug wäre uns viel Einreisegedöns erspart geblieben, aber da der nur einmal am Tag fährt, wir aber einen Termin haben (die Sache mit dem Fußball, Sie erinnern sich dunkel, lieber Leser und liebe Leserin?) muss es eben diese Variante sein. Sie beinhaltet einen Fußmarsch über die Grenze, viele Zettel, die auszufüllen sind, inklusive zweier Aufenthaltsgenemigungsgesuchsbehördenaufenthalte in den kommenden Tagen sowie einen weiteren Marschrutka, der uns endlich, keine 52 Stunden nach Abreise in Berlin, zum Ziel bringt. Und nun, Obacht, geht es endlich zum Fußball.

Das Derby aller Derbys ist angesagt. Weltweit spricht alles nur vom großen El классики, jedes Kind weiß, wovon ich spreche: Der moldawische Rekordmeister (Ja, die transnistrischen Vereine spielen in der moldawischen Liga, was ein schönes Beispiel für das „Einfrieren“ des Konfliktes ist) Sheriff Tiraspol trifft auf den Stadtnachbarn FC Tiraspol. Tabellenzweiter gegen Tabellenvierter, wobei Sheriff noch Chancen auf den Meistertitel hat. Schnell sind wir am Sportkomplex, den Sheriff gebaut hat, bzw. immer noch baut: Ein großes (ähem) Stadion, welches 13000 Zuschauer fasst, ein kleineres mit einer Kapazität für 8000 Zuschauer und Laufbahn, eine Halle für 3500 Zuschauer, Trainingsplätze, sowie ein noch im Bau befindliches Hotel.

Stadionkomplex Sheriff Tiraspol
Links das "große" Stadion des Sportkomplexes, rechts (erkennbar an den Flutlichtern) das kleine, in dem auch der Nachbar und heutige Konkurrent FC Tiraspol seine Heimspiele austrägt.

Dieser fleischgewordene Knaller eines Spiels findet natürlich im .. kleinen Stadion statt. Immerhin ausverkauft. Also, fast. 1490 Zuschauer. Und wir.
Wir sind mehrheitlich für den FC, das satte Rot der Trikots liegt uns mehr das Schwarz-Gelb des Gastgebers, auch die Dominanz des Sheriffkonzerns allüberall weckt nicht gerade Sympathien. Und tatsächlich geht es gut, jedenfalls 21 Minuten lang, in denen das wirklich nicht unansehnliche Spiel ausgeglichen ist. Dann beginnt die Nummer 4, der Abwehrchef des FC, seine Arbeit. Er schlägt gekonnt im eigenen Strafraum über den Ball, zack 1:0. In der 57. Minute erwirkt er durch eine gut eingeübte Grätsche in die Beine des Gegners einen zum 2:0 führenden Elfmeter, nur fünf Minuten köpft er dem Gegner den Ball kunstvoll in den Lauf und beim abschließenden 4:0 irrt er scheinbar verwirrt durch den Strafraum. Aufgebracht wedeln wir innerlich mit Geldscheinen. Nur die Müdigkeit der Reise in den Knochen kann uns von einem Platzsturm der Entrüstung abhalten. Und die wunderbar warme transnistrische Abendsonne, die uns auf unserem Tribünenplatz wärmt. Die mitgereisten FC-Fans hingegen strecken alle 36 Arme hoch, um ihrer Mannschaft trotzdem nach Abpfiff Applaus zu spenden. Nun gut, wir sind wohl doch nur Eventfans.

Ultras Sheriff Tiraspol
Sehr klein, aber sich nach allen Regeln der Ultrakunst verhaltend, die Sheriffkurve. Mit Trommel und Wechselgesang mit der Gegengerade.

Sheriffinnen
Ein hübsches Beispiel für die Omnipräsenz Sheriffs: Diese Uniform tragen die Damen unabhängig davon, ob sie im Stadion Popcorn verkaufen oder im Supermarkt kassieren.

Damit endet leider auch schon der Fußballcontent dieser Reise. Dumm gelaufen, nicht anders machbar, so ist es halt, irgendwas dazwischen entspricht der Wahrheit. Und weil ich nun nicht weiter langweilen will und das hier ja trotz allem noch ein Fußballblog ist, lasse ich die weiteren Geschichten fort, die vom ukrainischen Grenzer, der skeptisch und nervös wird, weil er uns auf unserem Tagesausflug nach Odessa für eine Abordnung von Reportern ohne Grenzen oder ähnlichem hält; oder der Schwierigkeit an der transnistrisch-moldawischen Grenze einen wichtigen Stempel zu bekommen, da es aus moldawischer Lesart ja an dieser Stelle gar keine Grenze gibt; vom Tag des Sieges am 9. Mai in einem Land, dessen Militär in Bereitschaft ist und deshalb keine Parade abhalten kann, und und und. Unbedingt erwähnt werden sollte allerdings die große Gastfreundschaft, die uns im Land zwischen Dnjestr und der Ukraine entgegenschlug. Und Grüße an den in Rostock studierenden Sohn der Frau vom Markt.

Dienstag, 28. April 2015

Die ruhmreiche Fußballkarriere des Martin S.

Der Kamke ist schuld. Ein Satz, mit dem viel mehr Blogbeiträge begonnen werden sollten. Nicht von mir natürlich, ich schreibe ja kaum noch welche. Es sei denn, der Kamke drängt mich dazu. Wie neulich auf Twitter, als es, wenn ich das recht erinnere, um Jugendfußballerfahrungen ging und ich eine halbgare Anekdote einwarf und der Kamke mich mit quasi erhobenem moralischen Zeigefinger bedrängelte, ich möge das doch bitte in einem Blogbeitrag verarbeiten. Was ihm natürlich nicht klar war, ist, dass ich keineswegs über sein exzellentes Gedächtnis verfüge und die wichtigen FaktenFaktenFakten allesamt vergessen habe. Und den Rest in der Zwischenzeit verklärt habe. Und somit nichts der Wahrheit entspricht, wie immer auch die ausgesehen haben mag. Was ich ja nicht mehr weiß. Weswegen es sich vielleicht doch genauso zugetragen haben mag.

Es begab sich vor ziemlich genau dreißig Jahren. Der Autor dieser Zeilen war offenbar gerade zwei, drei Monate zuvor sechzehn geworden und hatte bis dahin eine fußballerische Karriere hingelegt, die in ihrer Bedeutungslosigkeit ihresgleichen sucht. Sie beschränkte sich auf das Kicken mit den Nachbarjungs auf der ruhigen Straße, alle nicht viel besser als ich und somit ohne Lehrpotential, und Einsätzen während Klassenspielen. In einem schoss ich sogar mal zwei Tore, wer weiß, wie das geschehen konnte.
Vermutlich war das auch der Grund, dass ich "Sturm" antwortete, als ich gefragt wurde, wo denn meine Position sei, in jenem Moment, in dem der Traum wahr wurde und ich mittat in einem richtigen Fußballverein. Zuvor hatte Muttern ähnliche Wünsche immer abschlägig beschieden, aus der heutigen Reflektion heraus vermutlich, um mehr Individualität anzuerziehen (Das willst Du doch nur, weil das alle machen) und aus ihrer eigenen Affinität zur Leichtathletik heraus. Aber ich komme ins plaudern und dabei hat die eigene Anekdote noch nicht einmal angefangen.

Wie dem auch sei. Es erfolgte ein Umzug nach Norddeutschland in ein Nest, in dem alle Handball spielten. Vielleicht war das der Grund, dass meiner grandiosen Fußballkarriere nun nichts mehr im Wege stand und so wurde ich Mitglied beim ruhmreichen TuS Varel 09. Und sagte "Sturm". Und war nicht gut. Eher Ersatzbankmaterial. Was ich bis heute nicht verstehe - also, dass ich wirklich nicht gut war, nicht dass es nicht für die erste Elf reichte - aber es ist durchaus möglich, dass mir das eine oder andere, was nötig gewesen wäre, um besser zu sein, erst spät, sehr spät zuwuchs. Auge, Ahnung, Spielverständnis, solche Dinge, Sie wissen schon. Sportlich war ich, Ballbehandlung war nicht toll, aber in Ordnung.
Was ganz sicher nicht gut war, war mein Torschuss, der ist auch nie besser geworden, jedenfalls nicht bis es mir vor ein paar Jahren beim Wiesenkick den Meniskus zerfetzte. Seitdem hab ich es nicht wieder ausprobiert, aber ich nehme an, es ist nicht besser geworden. Mir fehlte der Wumms, komplett. Klebe Fehlanzeige. Beste Voraussetzungen also für einen Stürmer.
Nun begab es sich, dass die Spieler um mich herum auch nicht gut waren. Besser als ich, größtenteils, aber nicht gut genug für die Liga. Die nämlich hatte die A-Jugend, in die ich kam, geerbt vom vorhergehenden, weitaus besseren Jahrgang. Um es mit ein paar Vielleicht-Fakten (siehe Exkurs weiter oben zum Thema Wahrheit) bebildern: Ich glaube, es war die Bezirks-Oberliga und ich glaube, es war die dritthöchste Spielklasse in der damaligen A-Jugend. Heute ist das alles anders sortiert, eine Junioren-Bundesliga z.B. gab es noch nicht. Glaube ich.

Vielleicht also hieß das alles ganz anders, das Einzugsgebiet der Gegner war jedenfalls groß. Von den um die Ecke liegenden Wilhelmshaven und Oldenburg (VfB und VfL) bis nach Stade und hinunter bis nach Georgsmarienhütte, zu TuRa Melle und, ich glaube, Eintracht Nordhorn. War nicht sogar die Mannschaft des VfL Osnabrücks dabei? Ich werde es vermutlich nie erfahren.
Das erste augenscheinliche Ergebnis dieser hohen Spielklasse und der damit verbundenen Gegner waren unchristliche Aufstehzeiten. Sonntägliche Treffen um Sechs. Morgens. Bitte versuchen Sie sich in die Zeit, in der Sie sechzehn, siebzehn waren, zurückzuversetzen, es dürfte Ihnen leichter fallen als mir, da es weniger weit weg ist: Es gibt in dem Alter wirklich besseres als Sonntags früh in der Kälte zu stehen und auf den Kleinbus zu warten, der Sie nach Jottwehdeh transportieren soll.

Vor allem dann, und damit kommen wir zum Kern der Sache (hier beginnt die eigentlich recht kurze Anekdote), wenn Sie einerseits sehr gute Chancen haben, den Tag auf der Ersatzbank zu verbringen und andererseits die Chancen, dass am Ende wenigstens ein Sieg herausspringt, ungleich kleiner ist. Sagen wir es wie es war: Wir begannen die Saison mit einer beispiellosen Niederlagenserie. Der Trainer wurde gewechselt, was kein Verlust war, der alte hatte wenig beibringen können. Der neue allerdings auch nicht. Die Niederlagenserie ging weiter. Der Trainer wurde noch mal gewechselt, der Winter kam, die Niederlagenserie hielt an. Kein Punkt, kein einziger. Die Rückrunde begann und alles wurde schlechter. Verglichen mit der Stimmung in der Mannschaft wäre ein Haifischbecken eine Wellnessoase. Sie können sich vorstellen, dass das vor allem zum unteren Ende der mannschaftlichen Hierarchie durchgereicht wurde. Ich winke an dieser Stelle, damit Sie sich ungefähr vorstellen können, wohin.
Die Niederlagenserie hielt. Wir wurden immer weniger, da der eine oder andere beschloss, besseres zu tun zu haben, als sich Sonntagsmittags die Hucke voll hauen zu lassen. Was gut war, denn es erhöhte meine Einsatzzeiten drastisch. Schlecht daran war, dass wir manchmal nur mit neun oder zehn Mann aufliefen. Gegnerische Trainer begannen wüst und in unflätigsten Tönen ihre Mannschaft zu beschimpfen, wenn sie das Gefühl hatten, wir könnten den schon kassierten sechs oder acht Toren vielleicht mal eins entgegen setzen. Was selten geschah. Ich beging ein böses ungeahndetes Revanchefoul, was aber eine andere, noch belanglosere Geschichte ist. Nur soviel: er hatte es verdient. Tore schoss ich keine. Aber ich hielt durch.

Die Niederlagenserie hielt auch durch. 0 Punkte, nach wie vor. Die Anzahl der Kisten Bier, die uns von den uns verhöhnenden erwachsenen Vereinsmitgliedern versprochen waren für den Fall, dass wir doch mal aus Versehen einen Punkt ergattern sollten, wuchs. In der Theorie. In der Praxis: Die Niederlagenserie hielt.
Ich gab auf. Ging nicht mehr hin. Spaß war schon lange nicht mehr gegeben. Nicht im Training, nicht in der Mannschaft, nicht im Spiel, aber ich hatte durchhalten wollen, nicht das Handtuch werfen. Was genau den Ausschlag gegeben hatte, weiß ich leider nicht mehr. Warum auch immer: ich gab auf, drei, vier, fünf Spieltage vor Schluss.

Das nächste Wochenende, das nächste Spiel kam, ohne mich, weder auf dem Spielfeld, noch auf der Ersatzbank.

Endergebnis: 1:1. Et voilà.

Ein, zwei Jahre später versuchte ich es nochmal, beim TuS Jaderberg in der 2. Herren, ich schoss sogar Tore, wir stiegen auf, es war nicht alles schlecht im Vereinsfußball. Bis ich im Vorbereitungsspiel zur neuen Saison an einem Tag mit weit über 30 Grad kotzen musste und der neue Trainer mich bepöbelte, warum ich meine Mannschaftskameraden so im Stich ließ. Dann war Schluss. Aber das ist eine andere Geschichte. Und diesmal dermaßen uninteressant, dass sogar der Kamke da nichts machen kann.

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