Dienstag, 9. April 2013

Und zwischen den Fahnen ein grünes Fußballfeld. Fußball in Belfast.

Das Erste, was den müden Augen unserer Reisegruppe an diesem trüben und kalten Ostermontagmorgen ins Auge fällt, als wir die Fähre in Belfast, unserem Reiseziel, verlassen, sind Fahnen. Viele. Alle zeigen den Union Jack. Seitdem der Stadtrat Belfasts im Dezember beschloss, die britische Fahne nicht mehr durchgängig auf der City Hall wehen zu lassen, ist er wieder sichtbarer geworden, der Konflikt zwischen katholisch-irischer und protestantisch-britischer Seite.
Die Unruhen im Januar - als befürchtet werden musste, dass der seit 1998 anhaltendeee Waffenstillstand brüchiger sein könnte als gehofft - sind glücklicherweise wieder abgeebbt, doch die Fahnen hängen noch, an den Häusern und Laternenmasten oder als Wimpelketten quer über die Straße. Der Union Jack überall dort, wo die Loyalisten wohnen; die irische Fahne in den republikanischen Wohngegenden. Und so gesellen sich viele Fahnen zu den anderen Anzeichen einer in sich zerrissenen Stadt, zu den vielen häufig gewaltverherrlichenden Murals und den die einzelnen Stadtviertel durchschneidenden Peace lines, bis zu acht Meter hohe Wände aus Stein, Stahl und Zaun.

Rekordmeister Linfield FC wird geehrt. Unten rechts: Werbung für eine eher radikale Unterstützergruppe der schottischen Rangers. Klick: größere Ansicht.



Unsere erste Begegnung mit Fußball findet auf der Shankill Road statt, der bekanntesten protestantischen Straße im Westen Belfast. Einige Häuserblocks entfernt von einem großen Wandbild zu Ehren des nordirischen Rekordmeisters Linfield FC, trinken wir ein Bier in einem Pub, der sich Northern Ireland Supporters Club nennt. Nicht nur die Adresse, auch der Name verrät schon, welche Gesinnung hier vertreten wird - republikanische Nordiren tränken ihr Bier kaum in einer Lokalität, die die nordirische Nationalmannschaft unterstützt. Zwischen verzierten Spiegeln, die dem einzigen nordirischen Sieg über England in einem Pflichtspiel (1:0 in der WM-Qualifikation 2005) oder dem mit Abstand besten Fußballers Nordirlands, George Best, gedenken, erfahren wir, dass es ein paar Häuser weiter Tickets für die Pokalspiele am kommenden Wochenende geben soll.

Das nämlich ist die Crux an dieser Reise: wir reisen zu einem Zeitpunkt, an dem die Liga, so glauben wir, Pause macht, zwischen regulären Meisterschaftsspielen und den Playoffs, in denen die ersten Sechs, ihre Punkte aus den bisherigen Spielen mitnehmend, den Meister ermitteln. Aber wir werden Fußball sehen können: die beiden Pokalhalbfinale finden am kommenden Samstag statt, erst die Partie Portadown FC - Glentoran FC im Windsor Park, dem Nationalstadion Nordirlands und sportliche Heimat Linfields, anschließend im Oval - Heimat Glentorans - das Nord-Belfaster Derby Crusaders FC - Cliftonville FC.
Doch Karten bekommen wir an diesem Tag nicht, und so umrunden wir mit weitem Umweg die Peace Line, um auf der anderen Seiten auf das katholisch-republikanische Pendant der Shankill Road, die Falls Road, zu kommen.

Hier finden wir uns schnell in einem Pub namens The Red Devil wieder, in dem laut Hinweisschild Kinder nur Zugang während der Übertragung von Fußballspielen haben und zudem nur die Farben von Manchester United, Celtic und der Republic of Ireland erlaubt sind. Die Liebe zu Manchester erklärt wieder George Best, die zu Celtic ist im nordirischen Konflikt begründet: in dieser Ecke Belfasts zählt natürlich nur die katholische Seite des Old Firms.
Doch noch ein weiterer Verein wird hier gemocht und so erfahren wir, dass nicht das Pokalspiel am kommenden Samstag das wichtigste Spiel dieser Woche für den Cliftonville FC ist, sondern das am morgigen Dienstag ausgetragene erste Playoff-Spiel gegen den Nachbarn Crusaders. Wir freuen uns natürlich so unverhofft ein weiteres Spiel sehen zu können, zumal wir mittlerweile in Erfahrung gebracht haben, dass unser Domizil fast in Spuckweite zum Solitude, dem Heimatstadion Cliftonvilles ist.

Manchester-Rot sowie Celtic und Irland-Grün sind erlaubt. Klick: größere Ansicht.



Gesagt, getan. Dienstag: Spieltag. Cliftonville FC versus Crusaders FC. Heimspiel für den ältesten Verein der ganzen Insel (gegründet 1879), derzeitiger Tabellenführer und mit einem grünen Kleeblatt in rotem Kreis gewappnet, das wohl nur uns Deutsche schwer an Rot-Weiß Oberhausen erinnert, den Rest der Welt vermutlich an Celtic. Gegner ist nicht nur, wie bereits erwähnt, der unmittelbare Nord-Belfaster Nachbar, sondern auch der Tabellenzweite, der einzige Verein, der Cliftonvilles Titelträume noch in Gefahr bringen kann und dem Namen gemäß einen Kreuzfahrer im Wappen zeigt.
Ein Spiel also, das also viel bietet: Nachbarschaftsduell und Titelkampf und nicht zuletzt der nordirische Konflikt - ein für Januar angesetztes Ligaspiel wurde seinerzeit ausgesetzt, da befürchtet werden musste, dass es im Flaggenstreit für Zündstoff sorgen könnte.

Die Südseite des Solitude. Beachtenswert auch: Kunstrasen. Nicht die dümmste Idee, wie wir später sehen werden. Klick: größere Ansicht.



So kreist auch ein Hubschrauber über unseren Köpfen, als wir auf dem Weg zum Solitude, dem Stadion Cliftonvilles sind. Ein Stadion, in dem der Verein seine Heimspiele seit 1890 austrägt, seit 1970 nur noch aus drei Seiten besteht und das angeblich 6220 Zuschauer fassen soll. Ich bin da ein bisschen skeptisch, das Stadion ist zu gut Dreivierteln besetzt und ich schätze 3000 Zuschauer, aber ich kann mich irren, Zuschauerangaben in Zeitungen scheinen in Nordirland jedenfalls nicht sonderlich en Vogue zu sein, so dass keine verlässlichen Angaben vorliegen. Diese 3000 Zuschauer jedenfalls verzichten auf jegliches Ultra-Verhalten, es gibt kaum Gesänge und wenn, dann eher der einfachen Art. Das bedeutet keineswegs, dass das Publikum weniger leidenschaftlich dabei wäre, jeder zweite Ball wird kommentiert, laut und nicht selten nicht jugendfrei.
Und Grund gibt es zu fluchen für die Red Army, wie sich die Cliftonviller Anhänger der Reds nennen: Zur Halbzeit steht es eher unverdient 0:1.
Doch Cliftonville, denen bereits zur Halbzeit unsere Sympathie gehört, hat Liam Boyce. Ein Jahr spielte er bei Werder Bremen II, bevor er desillusioniert zurück auf die Insel kehrte und er spielt die Saison seines Lebens. Und auch heute macht er die Saisontore Nummer 25 und 26 zu einem schwer umjubelten und hochverdienten Endstand von 3:1. Und nicht nur deswegen ziehen wir unseren Hut, der erwartete Untere-Ligen-Graupenfussball entpuppt sich als recht ansehnlich, insbesondere Cliftonville zeigt mitunter Spielzüge, die wir hier so nicht erwartet haben.

Eine historische Saison scheint also möglich zu sein für Cliftonville: Im Januar bereits den Liga-Pokal gewonnen (gegen, natürlich, die Crusaders), jetzt nur noch zwei Punkte von der Meisterschaft entfernt und am kommenden Samstag, vor unseren Augen, das Pokalhalbfinale - das Triple steht greifbar nahe. Und Cliftonville ist ansonsten nicht gerade Titelsammler, gerade mal drei Meisterschaften in 134 Jahren stehen auf dem Briefkopf, die großen, titelträchtigen Mannschaften sind Linfield und Glentoran.

Auf diesem Rasen trägt die nordirische Nationalmannschaft ihre Heimspiele aus Und nein, das ist keine optische Täuschung. Klick: größere Ansicht.



Letztere stehen an jenem Samstag zuerst auf dem Programm. Dankenswerterweise finden beide Halbfinale nacheinander statt, in den beiden größten (hier ist ein kleines Hüsteln erlaubt, wenn nicht gar angebracht) Stadien. Zunächst also geht es in den Windsor Park. Auch hier gibt es nur drei Seiten, dafür sieht der Rest allerdings schon nach richtigem Fußballstadion aus. Fast jedenfalls, dann wenn man den Rasen außer acht lässt (siehe Bild). Uns verschlägt es auf den Railway Stand (unser Eisenbahnherz hüpft vor Freude), dort wo die Fans des Portadown FC stehen und sitzen. Und hui, neunzig Minuten Dauersupport der Fans aus dem kleinen Städtchen südwestlich von Belfast. Das überrascht, insbesondere, da das Spiel zwischen dem Tabellensiebten gegen den -vierten dann doch das bietet, was wir vom nordirischen Fußball erwartet haben: Gebolze und Gegrätsche, wenig bis gar kein Spielfluss und Torchancen, die an einer Hand abzählbar sind. Am Ende, alss wir schon leise fürchten, es könne Verlängerung geben, triumphiert der Glentoran FC dank eines Tors nach Eckball.

The Oval, Heimat des Glentoran FC, heute Austragungsstätte des Pokalhalbfinals. Klick: größere Ansicht.



Also hinaus und ans andere Ende der Stadt, ins Oval, Heimat der Mannschaft, die wir gerade siegen sahen. Hier findet die Wiederauflage des Ligaspiels, dessen wir am Dienstag Zeuge werden konnten, statt. Die große Chance für die Reds, ihrem Traum vom Triple näher zu kommen und für die Crues, die Saison nicht komplett zu vervizekusen. Für uns ein Novum auf dieser Reise: das Stadion, inmitten einer deutlich loyalistisch beflaggten Wohngegend, hat tatsächlich vier Seiten. Hübsch ist es auch, sofern man Herz für alte kleine Stadien hat. Nur der Gästezugang, den wir als überzeugte Cliftonville-Freunde nehmen müssen, ist ein wenig gruselig - ein ca. achthundert Meter langer Käfig, der weit entfernt vom Haupteingang zwischen Autobahn und Wohngebiet zum Stadion führt. Und leider hat der Gott des guten Spiels heute offenbar Ausgang, jedenfalls bietet auch dieses zweite Halbfinale deutlich weniger Fußball als das Ligaspiel am vergangenen Dienstag. Die Crusaders halten gut dagegen, wäre man objektiv, würde man ihnen sogar ein Chancenplus attestieren. Aber in dieser Saison braucht es mehr, um Cliftonville zu schlagen. Ein Doppelschlag in der zweiten Halbzeit aus sehr berechtigtem (glaubt den Crusaders nicht, sollten sie Euch Anderes erzählen) Elfmeter und perfekt heraus gespieltem Konter nur eine Minute später macht die Sache klar. "And that's why we're champions" singt die Red Army erfreut und - huch - zündet ein bisschen rot vor sich hin rauchende Pyrotechnik.

Nordirische Bürotechnik. Klick: größere Ansicht.



Am Eingang zum Solitude, der Cliftonviller Heimat, hängt ein Schild, demnach nur Banner und Fahnen in den Klubfarben erlaubt seien. Im Stadion hängt ein Zehn-Punkte-Plan der UEFA, dass Rassismus und Sectarianism (also in etwa "Konfessionsgebundene Äußerungen") nicht erwünscht sind. "Keine Politik im Stadion" hat in Nordirland, in dieser zerrissenen Gegend, die nach 3500 Toten und nun knapp fünfzehn Jahren Waffenstillstand so sehr um die Abwesenheit von Gewalt ringt, eine völlig andere Bedeutung. Und tatsächlich, lege ich die drei besuchten Spiele als Maßstab zu Grunde, gibt es recht wenig direkte Anzeichen des Konflikts. Ein Union Jack, der im Oval hängt; eine Zaunfahne in irischen Farben bei den Reds; in den Gesängen der Portadown-Anhänger taucht das mit den militanten Loyalisten und den Rangers aus Glasgow verbundene "No Surrender" auf, aber das war es schon. Überhaupt, das schottische Old Firm wirft seine Schatten auf den Norden der irischen Insel, als sportlich hochklassiges Surrogat für den in dieser Klasse in Nordirland nicht auffindbaren Fußball. Wer Cliftonville mag, mag Celtic, wer sich katholisch / irisch / republikanisch fühlt, auch.

Neben der in Großbritannien unvermeidlichen Warnung davor, dass man gefilmt wird, der Hinweis, dass nur Klubfarben erlaubt sind. Klick: größere Ansicht.



Erstaunlich bleibt, dass es auch in den schlimmsten Zeiten des euphemistisch "Troubles" genannten Bürgerkriegs immer einen Ligabetrieb gab. Der Hass und die Gewalt, die beide Seiten ausstrahlten und leider auch auslebten und inmitten dessen Fußballspiele, die nicht selten eben nicht nur unterschiedliche Fußballfarben, sondern auch die Farben der verfeindeten Lager repräsentierten - schwer vorstellbar. Dass die Qualität des Fußballs wenig Möglichkeit hatte, sich zu entwickeln (mal abgesehen von der geringen Einwohnerzahl Nordirlands und anderen Faktoren wie der Tatsache, dass Fußball auf der grünen Insel diesseits und jenseits der Grenze einen anderen Stellenwert hat als anderswo) - geschenkt. Es gibt Orte, an denen wichtiger ist, dass überhaupt Fußball gespielt wird, als die Frage, wie dieser aussieht.


Epilog.
Während ich damit beginne diesen Artikel zu schreiben, findet im Solitude das nächste Playoff-Spiel statt. Linfield, 51maliger Meister (und Meister der letzten drei Jahre) ist zu Gast. Der große Liam Boyce bringt die Reds zweimal in Führung, doch Linfield gleicht beide Male aus, bis die Ergebnisdienste - einen Stream sucht man vergebens, natürlich - in der 90. Minute stehen bleiben. Und verharren. Und nichts geschieht. Und dann irgendwann, spät in der Nachspielzeit: Elfmeter! Für Cliftonville! Verwandelt! Aus, aus, aus. Cliftonville ist Meister, das vierte Mal in der 124jährigen Vereinsgeschichte und in 112 Jahren ununterbrochener Ligazugehörigkeit! Jetzt noch am 4. Mai das Pokalfinale gewinnen und die unglaublichste aller Saisons für den Nord-Belfaster Verein ist perfekt.

Freitag, 2. November 2012

Cui Bono?

Seit Wochen und Monaten spülen immer wieder die gleichen Schlagworte über uns hinweg. Glaubt man Innenministern, der Gewerkschaft der Polizei, der DFL und den Medien ist der Besuch eines Fußballspiels eine hochgefährliche Sache, quasi das gefährlichste was man so tun kann in Deutschland, und das leider erst seit kurzem. Früher jedenfalls war alles friedlich, oder wenigstens deutlich friedlicher - die immer wieder beschworene "Eskalation der Gewalt" legt dies nicht nur nahe, nein, sie lässt keinen anderen Schluss zu.

Und das obwohl wir wissen - wie jeder, der sich informiert oder eigene Erfahrungen gemacht hat - das all das nicht stimmt. Der viel zitierte Besuch eines Volksfestes ist gefährlicher, sich von A nach B zu bewegen, mit einem Auto, einem Fahrrad oder zu Fuß, ist gefährlicher. (Hier gibt es ein paar Zahlen - nur eine sei hier zitiert: An jedem Tag des Oktoberfestes gibt es fast so viel Verletzte wie in einer gesamten Saison in allen Stadien der ersten und zweiten Liga). Wer wie ich den Bundesligafußball der frühen und mittleren Achtziger erlebt hat, weiß, dass die Situation heute eine ganz andere ist, dass die seinerzeit vorherrschende Hooligankultur mit rechtsextremen Wurzeln, die die bundesdeutschen Kurven regierte, ein weitaus größeres und immer wieder ausgelebtes Gewaltpotential inne hatte.

Wie kann es also sein, dass trotzdem immer wieder von den oben genannten Quellen Gegenteiliges behauptet wird - und das ohne eine einzige statistische oder empirische Unterstützung? Die Antwort muss für jede einzelne Gruppe beantwortet werden und das beste Instrument, wie immer in solchen Fällen, ist das Cicerosche Cui Bono - Wem zum Vorteil?

Die Innenminister
Innenminister Friedrich und andere Hardliner wie Mecklenburgs Innenminister Caffier gefallen sich besonders gut darin, das Abbrennen von illegalen bengalischen Feuern als Gewalt zu bezeichnen. Wie Menschen Innenminister werden konnten, obwohl sie nachweislich Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, ist eine Frage, die ich beim besten Willen nicht beantworten kann. Warum die Herren aber plötzlich dieses Thema so für sich entdecken, liegt auf der Hand: Der deutsche Linksextremismus gibt sich recht friedlich zur Zeit, dem Rechtsextremismus möchte man nicht zu sehr auf die Füße treten, da man nicht weiß, ob man da einem Rechtsextremisten, einem Mitarbeiter der eigenen Behörde oder beidem auf die braunen Zehen tritt und die Taliban sind auch verdammt weit weg. Woher also nehmen, die Gefahr, die ein Innenminister braucht wie die Luft zum Atmen? Aah: Fußballfans. Der moderne Fußball mit seinen vielen Millionen hat eine Lobby, sicherlich, die Jungs und Mädels da hinter dem Zaun eher nicht. Da lässt es sich doch vortrefflich eskalieren, verbal gesehen. Man muss es nur oft genug sagen.

Die Gewerkschaft der Polizei
Dass Polizei und Fußballfans Freunde werden, ist eher nicht zu erwarten. Und so überrascht es auch nicht, dass die GdP freudig erregt auf den Diffamationszug aufspringt. Und tatsächlich, ihnen könnte man die Sache noch am ehesten nachsehen, stehen sie doch da, wo es weh tun könnte, ihnen oder dem Gegenüber, den Fans. Dumm nur, dass die gewollte Konfliktschürung seitens der Partners in Crime der GdP dafür sorgen wird, dass die Gewalt tatsächlich eskaliert - ein Bärendienst, den die GdP da also ihren Mitgliedern aufbindet. Aber hej, hübsche neue Videotechniken und Drohnen und Schlagstöcke und verbessertes Reizgas und und und kann auch die Polizei nicht einfach so bestellen. Da braucht es schon einen Grund. Marodierende und ganze Städte in Schutt und Asche legende Fußballfans zum Beispiel.

Die DFL
Auch wenn die Hoffnung besteht, dass mit Andreas Rettig ein wenig Vernunft in die Chefetage der DFL einzieht, so hat sie doch bislang kein gutes Bild abgegeben. Sicher, ein Vertreter der Fans und der Zuschauer war die DFL, oder früher der DFB, nie. Die Geschäftsinteressen der Liga, und damit insbesondere der großen Vereine, waren immer oberste Priorität und mit Kunden kuschelt es sich eben schlechter als mit Vereinsmitgliedern, die ein berechtigtes Interesse daran haben, gehört zu werden. Und England macht es ja vor, dass es geht: Stimmung tot, Sitzplatzpreise ins Uferlose getrieben, Stadien trotzdem voll. Das dadurch entstehende finanzielle Plus ist das Ziel der DFL, anders kann man es nicht verstehen. Ob das englische Modell funktionieren kann ohne die andere Seite der Medaille - der Verkauf der Klubs an globale Multimilliardäre, die mit ihrem Geld wiederum globale Multimillionäre auf den Rasen holen - darf bezweifelt werden. Aber egal, probieren kann man es ja mal, Money makes the world go round und das Runde muss in den Geldbeutel.

Die Medien
Ja, nun. Einerseits liegen die Beweggründe dermaßen auf der Hand, dass sich die Frage nach dem Nutzen beinahe erübrigt: Sensation ist Teil des journalistischen Geschäfts, das treibt mitunter furchtbare Blüten, ist aber kaum zu verhindern. Andererseits aber sind die journalistischen Abgründe in diesem Fall so tief, dass man gar nicht glauben mag, wer sich da alles unbedingt selbst disqualifizieren möchte. Die schon erwähnte permanent formulierte "Eskalation der Gewalt", die niemand bislang nachweisen mochte - was doch eigentlich zum 1 mal 1 des Berufs eines Journalisten gehört - die Maischbergschen "Taliban", die "schlimmsten Ausschreitungen aller Zeiten", von denen der Spiegel neulich zu berichten wusste (Eigentlich erwartet man ja ein "!!!11einself" hinter dem Ausdruck) - die Vertreter des unseriösen Journalismus überwiegen ihre seriös arbeitenden Kollegen bei weitem und beschränken sich keineswegs auf die Bild-Zeitung, von der man nichts anderes erwartet. Es muss leider die Schlussfolgerung gezogen werden, dass der ökonomische Druck das journalistische Geschäft mittlerweile so stark im Griff hat, dass Qualität kaum noch eine Rolle spielt.

All dies könnte Otto Normalnichtodergelegenheitsfussballfan ja eigentlich herzlich egal sein und meinen Beobachtungen nach ist es das auch. Die Crux bei der Sache ist nur die, dass die tatsächlich stattfindende Eskalation des Konflikts von oben keineswegs spurlos an unserem Rechtsstaat vorbeigehen wird, da sich viele der vorgeschlagenen oder bereits vorangetriebenen Instrumente kaum mit unserem Rechtsverständnis decken. Noch nicht jedenfalls. Präventiv- und Kollektivstrafen, die per Gießkanne ausgekippt werden und bei denen die Schuld des Bestraften nur noch ein zu vernachlässigender Nebenfaktor ist; Schnellgerichte, die gar nicht in der Lage sind, rechtsstaatlich sauber zu arbeiten; Gesichts- und/oder Ganzkörperscanner, die jeglichen Datenschutz und das Prinzip von Privatsphäre ad absurdum führen - nichts weniger als der Abbau des Rechtsstaates, betrieben von Elementen, deren Denke den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verlassen hat, ist das Ziel der Übung.

Und nun ja, wenn sich Otto Normalnichtodergelegenheitsfussballfan dann versehentlich mal in einem Kino aufhält, in dem eine Reihe vor ihm jemand unerlaubter Weise eine Zigarette raucht, und er daraufhin von einem Schnellgericht zu fünf Jahren deutschlandweitem Kinoverbot belegt wird, denkt er vielleicht auch noch mal nach.

Montag, 22. Oktober 2012

Stellungsnahmen der Vereine zum Konzeptpapier "Sicheres Stadionerlebnis"

Am 27. September veröffentlichte die DFL das Konzeptpapier "Information und Diskussion über weitere Schritte zur Umsetzung der Ergebnisse der Sicherheitskonferenz in Berlin und der Innenministerkonferenz ("Sicheres Stadionerlebnis"). Rund zwanzig Tage später gab der 1.FC Union Berlin eine in Zusammenarbeit mit Präsidium und Fans erstellte Positionierung bekannt. Seitdem sind einige Vereine nachgezogen und haben ihrerseits Stellung bezogen. Die Links zu diesen Stellungsnahmen möchte ich hier sammeln. Wer also noch welche kennt, die fehlen, immer her damit bitte. Danke.

1. FC Union Berlin [pdf]
FC St. Pauli
1. FC Köln
FC Augsburg
Fortuna Düsseldorf
Hertha BSC
VfL Wolfsburg
TSV 1860 München
Borussia Mönchengladbach
1. FC Kaiserslautern
Eintracht Frankfurt [pdf]
VfB Stuttgart
Hamburger SV [pdf]


Anderes (Stellungsnahmen von Fanvertretungen solcher Vereine, bei denen sich der Verein selbst nicht geäußert hat)
Positionspapier Rote Kurve (Hannover 96)

Freitag, 21. September 2012

Fragen und Antworten

Sei einer Woche grübel ich, was ich so schreiben könnte, zum Kellerduell meiner beiden Herzvereine. Das Problem dabei ist, dass es aufgrund der Tabellenkonstellation sehr modrig riecht und der Verlierer - so es denn eine der beiden Mannschaften schafft, ein Tor zu schießen - tief ins Jammertal gestoßen wird. Was mir natürlich weder hüben noch drüben passen würde. Und so überkam mich jedes Mal große Unlust, über das Thema überhaupt nur nach zu denken, wenn ich mich meinem Blog näherte.
Da hilft es, wenn jemand kommt und ein paar Fragen stellt, das hat die Sektion Twitter getan, meine Antworten findet Ihr im Blog derselbigen.

Sonntag, 2. September 2012

Gedanken zum Fall Pezzoni

Es fällt schwer, die richtigen Worte zu finden. Zunächst einmal der Ungeheuerlichkeit des Geschehens selbst gegenüber. Dass es Menschen gibt, die glauben, sie hätten durch irgendetwas das Recht, einen Fußballspieler für seine Leistung zur Rechenschaft zu ziehen. Als sei er ihnen etwas schuldig, als gäbe ihnen ihr gekränktes Ego die Berechtigung den Fußball spielenden Menschen zu objektifizieren, ihn zu entmenschlichen und ihn so seiner Grundrechte zu berauben.
Der Prozess der Egobefriedigung durch Entmenschlichung ('Ich komm hier zu jedem Heimspiel / fahr zu jedem Spiel und zahl viel Geld und investiere viel Zeit und deswegen ist mir dieser Fußballspieler etwas schuldig') fängt schon deutlich früher an, beim auspfeifen der eigenen Spieler zum Beispiel - jeder Mensch weiß, dass Pfiffe noch keinen Spieler besser gemacht haben, das aber spielt keine Rolle, wenn die Verletzung des eigenen Egos ein Ventil braucht. Natürlich ist es ein gewaltiger qualitativer Unterschied, ob ich pfeife, das Internet mit Flüchen vollschreibe oder eben versuche, Spieler X vor seiner Haustür abzupassen. Diese Grenzüberschreitung, weg vom Dasein als Teil der zuschauenden anonymen Masse, die zum Spiel gehört, deren unmittelbare Reaktionen zum Spiel gehören, hin zur persönlichen Konfrontation und Abrechnung zwischen Fan und Spieler ist natürlich nicht tolerierbar. Diese Feststellung, so selbstverständlich sie ist, ändert aber noch nichts. Und etwas zu ändern wird schwer.

Es ist kein Kölner Problem, auch wenn die sportliche Misserfolgsgeschichte, das spezielle Kölner Verhältnis zum ersten Klub in der Stadt sowie möglicherweise die Größe der Stadt Vorkommnisse dieser Art vermutlich eher begünstigen als an anderen Standorten. "Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot" prangte zwar unerträglicherweise als Botschaft an die Mannschaft auch schon am Geissbockheim, ist aber auch aus anderen Standorten bekannt. Auch das ist schon Grenzüberschreitung, eine Drohung, ein Einfordern eines imaginierten Rechtes auf Erfolg. Solche und ähnliche, nicht weniger martialische und gewalttätige Äußerungen finden sich auch in Foren und anderen Social Media-Seiten, vorne weg natürlich auf Facebook. Natürlich ist nicht jeder, der Spieler X oder Y verbal zum Teufel jagt, auch willens diese Botschaft per Hausbesuch zu überliefern. Im Gegenteil, für fast alle ist dieser Gedanke völlig abwegig, wenn nicht sogar für alle, schließlich wissen wir nicht, wer da vor der Haustür des Spielers stand und woher die Motivation für diesen Schwachsinn kam.

Betrachtet man allerdings Facebookgruppen wie "Pezzoni in die Wüste" ist es nicht schwer vorstellbar, dass da für den einen oder anderen die praktische Umsetzung der ausgesprochenen Drohung nicht allzu fern liegt.
Dass das Internet, wie auch Medien und Stadionstimmung, zu einem Klima beitragen, welches Menschen motiviert, die die oben beschriebene Entmenschlichung der Spieler über die Grenze hinauszutreiben, klingt nicht allzu absurd. Und vielleicht ist das der Punkt, an dem jeder einzelne etwas tun kann, im Stadion, im Gespräch mit anderen oder zu Hause vor dem Rechner: Öfter als zuvor innehalten und sich fragen, welchen Umgang mit den Spielern man da gerade etabliert. Auch wenn zwischen Wort und Tat ohne Frage ein Unterschied liegt.

Und der Verein, was kann der tun? Jürgen Klopp hat gestern dem FC den schwarzen Peter zugeschoben, eine Betrachtungsweise, die er zwar später im Aktuellen Sportstudio deutlich entkräftigte, die bis dahin aber schon längst ihren Weg in die Medien gefunden hatte. Und in der Tat, auf den ersten Blick mutet es wie ein Zurückschrecken des Vereins an, wie ein klein beigeben. Eine gefährliche Interpretation jedoch, wenn man nicht die tatsächlichen Gespräche kennt, eine völlig falsche, nimmt man die Statements des Vereins und des Spielers zur Vertragsauflösung ernst, demnach die Vertragsauflösung seitens des Spielers gewollt wurde. Dass der FC Pezzoni los werden wollte, darf hingegen in das Reich der Fabeln und Märchen verwiesen werden, es macht keinen Sinn, einen Spieler die große und kostspielige Säuberung des Kaders dieses Sommers überstehen zu lassen, ihn in die Stammformation zu stellen und ihn dann plötzlich loswerden zu wollen, ganz abgesehen von dem finanziellen Verlust.
Die kritische Frage, die es seitens des FC allerdings zu beantworten gilt ist, ob der Verein sich ebenso einem Vertragsauflösungswunsch gebeugt hätte - und damit den hausbesuchenden Vollidioten das Gefühl des Sieges gestattete - hätte es sich bei dem attackierten Spieler um einen Spieler des Formats Podolski gehandelt.

Ich wünsche dem Spieler und Mensch - und komme mir hier recht dämlich vor, betonen zu müssen, dass es sich bei einem Sportler, der natürlich auch Ware und abstraktes Idol ist, tatsächlich um einen Menschen handelt - viel Glück.
Mach et joot, Kevin.

Freitag, 24. August 2012

Sag mal, DFB,

ich hatte in Erinnerung, dass es eine Regel gäbe, wonach ein und derselbe Sponsor nicht die Brüste von zwei Mannschaften der selben Liga schmücken dürfe. Macht ja auch Sinn, Wettbewerbsverzerrung wäre ansonsten mit Pauken und Trompeten Tor und Tür geöffnet. Eine Einladung zur Korruption quasi.
Habt Ihr die Regel geändert? Oder, was natürlich peinlich wäre, für mich, der ich immer dachte, es gäbe sie, als auch für Euch, dass Ihr so schludrig umgeht mit solchen Gefahren, gab es sie nie?
Eines von beidem muss wohl stimmen. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass Ihr zugelassen habt, dass der Hauptsponsor eines Mitwettbewerbers jetzt auch Hauptsonsor des gesamten DFB-Pokal-Wettbewerbes geworden ist und dadurch auf den Ärmeln der Trikots aller Teilnehmer prangt. Noch dazu bedacht, und da wollen wir jetzt ausnahmsweise mal nicht so tun, als wäre das nicht so, dass dieser Hauptsponsor mit dem Verein seiner Wahl nicht nur einen schnöden Sponsorenvertrag abgeschlossen hat, sondern darüber hinaus eine Symbiose eingegangen ist, die die 50+1 Regel lächerlich macht.
Ich muss Euch ehrlich sagen, dass ich die Vorstellung, dass Ihr dermaßen blauäugig seid und so fahrlässig mit den Risiken solcher Einladungen zur Korruption umgeht, recht gruselig finde.
Sicher ist jetzt jedenfalls eines, das F in DFB steht nicht für Fairness.

Entsetzte Grüße,
icke.

Mittwoch, 15. August 2012

Die Zuschauer, die Vereine und die Gewalt

"Beobachter stimmen darin überein, dass sich das immer aggressivere Verhalten eines Teils des Publikums seit etwa zehn Jahren feststellen lässt. Dabei sind es immer jüngere Fans, die die sogenannten Hemmschwellen überschreiten. Entsprechend gehören Ausschreitungen schon zum Alltag der Bundesliga. Es hat den Anschein, als begnüge sich die Öffentlichkeit damit, diesem Trend mit säuerlicher Miene zuzuschauen und der Polizei die Lösung des Problems zu überlassen.

Freilich sind die Versuche von Psychologen und Soziologen, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, vielfältig. Von Leere und Hoffnungslosigkeit der Jugendlichen in einer gleichgültigen Gesellschaft, der die wirklichen Ziele und Ideale fehlen, von der Genormtheit auch des Freizeitverhaltens, die zum Abwürgen von kreativen und spontanen Äußerungen führe, von der Flucht der Jugendlichen aus der Einsamkeit und Schulproblemen in die Geborgenheit der Fan-Clubs, in dem sie mit Randale im Stadion soziale Anerkennung suchten und auch erhielten, ist die Rede, wenn es um Erklärungen geht. [...]

Mit Sicherheit spielen eine ganze Reihe sozialer und wirtschaftlicher Faktoren (z.B. Jugendarbeitslosigkeit) bei der Ausbreitung des "Fußball-Rowdytums" eine Rolle. Wir wollen hier aber vor allem danach fragen, inwieweit der Fußball selbst diese Phänomene mit herbeigeführt hat. Dabei fällt eine Parallele ins Auge, die leider zu wenig beachtet wird. Betrachtet man nämlich die Entwicklung in England, wo man uns in puncto Ausschreitungen und Gewalt auf dem Fußballplatz um einige Jahre voraus zu sein scheint (nicht von ungefähr gelten gerade unter den "harten Fans" die englischen Fans als eine Art Vorbild), so lässt sich dort eine erstaunliche Parallelität zwischen der totalen Professionalisierung und Kommerzialisierung, wie sie mit der offiziellen Freigabe der Ablösesummen und dem Fall der Höchstgrenze für Spielergehälter um 1960 eingeleitet worden ist, und der Entstehung dieser "neuen Subkultur der Gewalt" feststellen. [...] Nun sieht es fast so aus, als sollte sich dieser Prozess bei uns wiederholen.

Der neue Typ des mobilen Profispielers bringt auf Seiten der Zuschauer sein Gegenstück hervor: Den Fan, der seine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Verein, seine Verbundenheit mit einem bestimmten Idol nun durch Vereinsabzeichen, entsprechende Kleidung usw. demonstriert.
Der "Fan" ist aber nur der eine Typ, der mehr und mehr an die Stelle des traditionellen Anhängers tritt, dessen Identifikation mit dem Verein aufgrund einer sozialen und lebensgeschichtlichen Verbundenheit selbstverständlich war. Der andere ist der eher distanzierte, wählerische Konsument, der gemäß der überall propagierten marktwirtschaftlichen Ideale für sein gutes Geld "gute Unterhaltung" verlangt. Wird sie geboten, so ist er zufrieden, ja begeistert. Bei einem schwächeren Spiel aber zeigt er sich rasch bereit, die eigene Mannschaft zu verdammen. Lindner hat dies in einer Untersuchung über Fußballfans als "Cäsarenhaltung" bezeichnet, die in einer "Gladiatorenhaltung" der Spieler ihre Entsprechung finde.

Der Wechsel von traditionellen Anhängern zu diesen beiden Typen des Stadionbesuchers bringt die Vereine in einen fast unlösbaren Konflikt. Auf der einen Seite möchten sie den verlässlichen Anhänger, der sich vorbehaltlos mit "seiner" Mannschaft identifiziert und ihr auch an schlechten Tagen einen Rückhalt gibt, auf der anderen Seite wird ihnen die "Randale" mancher jugendlicher Fans zum Ärgernis. Man hätte gerne die Vereinsverbundenheit des traditionellen Anhängers und das Benehmen des wählerischen Konsumenten zugleich. Diese Verbindung aber ist scheinbar nicht zu haben.
Jene verlässlichen Anhänger, die bei Wind und Wetter, unabhängig von der Attraktivität der Spielpaarung, vom Tabellenstand und der am Vorwochenende gezeigten Leistung, bei jedem Heimspiel wieder da sind und treu zur eigenen Mannschaft stehen, dies sind paradoxerweise heute mehr und mehr gerade die "harten Fans", unter denen einige mit Alkoholexzessen, Schlägereien und Zerstörungswut hervortreten. Das hat dazu geführt, dass die Vereine im Verhältnis zu den Fan-Clubs immer wieder zwischen harten Abwehrmaßnahmen und Versuchen der Integration hin und her schwanken.
[...]

Wie aber wird sich das Zuschauerwesen weiterentwickeln? Vor allem: Wie werden sich die Fans, die Vereinsvorständen wie der fußballinteressierten Öffentlichkeit insgesamt erhebliche Sorgen bereiten, in Zukunft entwickeln?
Einer der zentralen Reize, die den Fußball wie den Sport schlechthin auszeichnen und von anderen kulturellen Ausdrucksformen unterscheiden, ist die Tatsache, dass der Zuschauer hier in einem gewissen Sinne mitspielt, insofern er die Möglichkeit hat, durch Anfeuern, durch verschiedenste Einflussnahme auf die Akteure (einschließlich des Schiedsrichters) einen von vorneherein nicht festgelegten Spielausgang zu beeinflussen. Peter Handke hat diesen Reiz und Unterschied zum Theater in einem fast schon klassischen Satz ausgesprochen: "Wer könnte im Theater einen Hamlet zum Handeln anfeuern?"

Diese Eigenheit setzt der weiteren Durchsetzung des ausschließlichen "Fernsehfußballs", der aus TV-Tantiemen und Werbeeinnahmen finanziert wird und gelegentlich als Schreckensbild am Horizont erscheint (man denke nur an das Endspiel im Europacup der Pokalsieger 1981 zwischen Jena und Tiflis, das in Düsseldorf vor einer Geisterkulisse ablief, aber von Hunderten von Millionen an den Fernsehschirmen verfolgt wurde) Grenzen. Den Fußballfan im Stadion wird es also solange geben, solange es Fußball überhaupt gibt. Was allerdings seine zukünftige Rolle auf den Plätzen anbetrifft, so ist Skepsis angebracht. Denn es steht zu vermuten, dass das organisierte Fan-Wesen mit seinem zunehmenden Aggressions- und Gewalttätigkeitspotential noch weiter um sich greift. Denn der traditionelle Zuschauer scheint immer mehr an Bedeutung zu verlieren. [..] Und in dem Maße, in dem der Fußball als Teil der Showbranche auftritt und von kommerziellen Gesichtspunkten bestimmt ist, wird sich die Rolle der Spieler als Gladiatoren für die Zuschauer eher weiter verstärken und damit die Neigung zu Gewalttätigkeit und Vandalismus zunehmen - gar nicht zu reden von den düsteren wirtschaftlichen und sozialen Perspektiven in unserer Gesellschaft, die das Gewaltpotenzial zu erhöhen versprechen. "Härteres Durchgreifen" wird da voraussichtlich nicht nutzen."

Aus: Erich Laaser / Hubert Kleinert: "Die Goldenen siebziger Fußballjahre", 1981, Kapitel "Die Zuschauer", S. 188 - 191

Samstag, 11. August 2012

Eine Bestandsaufnahme

Das zweite Spiel der Saison 12/13 liegt hinter dem 1. FC Köln und mittlerweile sind wir tatsächlich klüger. Wir wissen, dass die Prognosen, der FC würde dieses Jahr wohl eher nicht zu den großen Aufstiegskandidaten gehören, keine Unkenrufe waren. Wir wissen auch, dass die neu zusammengestellte Mannschaft noch Zeit braucht, um tatsächlich zu solch einer zu werden - im sportlichen, nicht im psychologischen Sinne. Wir erahnen, dass es wohl viele Anhänger gibt, die - wie der Autor (also icke, ne) selbst auch - zwar von Geduld und niedrig angesiedelten Erwartungen reden, gefühlte Niederlagen gegen einen Aufsteiger aber doch schmerzen. Selbst wenn es genau solche Spielausgänge gegen genau solche Gegner sind, auf die man sich nun einen Sommer lang mental vorbereitet hat und die eben sportliche Versinnbildlichung des erzwungenen neuen Kurs des 1. FC Köln sind.

Langsam können wir auch abschätzen, was das neue Personal bringt. Vor allem bei der Abwehr fällt es noch schwer, da sich sowohl Braunschweig als auch Sandhausen weitesgehend defensiv formierten und so wenige Angriffe Richtung Kölner Tor brachten - die allerdings waren häufig gefährlicher als das Kölner Angriffsspiel, weil der Kontext des Spieles ihnen zwangsläufig mehr Räume gab. Timo Horn hatte wenige Gelegenheiten, sich auszuzeichnen, führte im ersten Spiel gegen Braunschweig allerdings eine in Köln lange nicht mehr gesehene Fähigkeit vor: Abschläge, die beim eigenen Mann landen. Hui. Das es so etwas noch gibt. Gegen Sandhausen war es mit dem Traum auch schon vorbei, hoffen wir, dass es eine Wiederholung der Braunschweiger Vorstellung Horns gibt.
Die Innenverteidiger Dominic Maroh und Kevin Wimmer stehen bislang zufriedenstellend - Maroh scheint eher ein Verteidiger der rustikaleren Art zu sein, es steht zu befürchten, dass da noch manch Elfmeter auf den FC zu kommt.
Matthias Lehmann soll der Chef des Kölner Mittelfeldes sein, mit seiner Erfahrung in dieser jungen Mannschaft aus der Tiefe der Sechser-Position das Spiel ordnen und die Bälle verteilen. In beidem scheint noch Luft nach oben zu sein. Zwei spielstarke Außen sollten wohl das Herzstück des offensiven Mittelfelds sein, Christian Clemens und Adil Chihi. Beide sind verletzt, Clemens verletzte sich bereits vor der Saison und Chihi im gestrigen Spiel gegen Sandhausen. An Clemens statt spielt Neuzugang Daniel Royer und macht seine Sache dort mutig und mit dem notwendigen Willen, nach vorne zu spielen - ohne allerdings zu glänzen.
Im Sturm spielen anderthalb Neuzugänge, der Heimkehrer Thomas Bröker und Fast-Neuzugang Chong Tese. Nach den Eindrücken dieser ersten beiden Spiele läßt sich wohl sagen, dass hier das größte Problem des FC liegt. Bröker erledigt den einen Teil seiner Aufgabe als hängene Spitze, das Bälle annehmen, halten und verteilen, dank seiner physischen Stärke sehr gut. Geht es allerdings Richtung Tor, wird es weniger gut. Allein im gestrigen Spiel hätte er dreimal klug zu einem besser postierten Mitspieler ablegen müssen, entschied sich aber selbst den Abschluss zu suchen, was leider immer recht kläglich endete, mit Ausnahme des Pfostentreffers anfangs der zweiten Spielhälfte. Zu egoistisch und mit zu wenig Torjägerinstinkt ausgestattet, so scheint es. Chong Tese gibt leider ein noch schlechteres Bild ab: Zwar kämpft der Nordkoreaner vorbildlich und geht weite Wege, seine Abschlüsse allerdings sind nicht erwähnenswert, in der Regel ist der Ball weg, bevor er dazu kommen kann. Mikael Ishak, in beiden Spielen von der Bank ins Spiel gekommen, hat leider nicht zeigen können, dass er den Bankplatz zur Zeit unberechtigterweise inne hat. "Blass" wäre wohl das richtige Wort für die Vorstellungen des jungen Schweden.

Insgesamt scheint der FC leistungsmäßig da zu starten, wo er erwartet werden konnte und musste: Eine Mannschaft, die in der Lage ist kompakt und gut zu spielen, allerdings nicht so gut, dass sie eine Rolle im Aufstiegskampf einnehmen kann. Die Ergebnisse sind knapp und hätten in beiden Fällen auch anders ausgehen können, insbesondere der Glücksschuß der Sandhausener in der letzten Minute gestern gestaltet die Bilanz negativer als notwendig. Allerdings haben sich die Kölner das 1:1 selbst zuzuschreiben, nach dem 1:0 zog sich die Mannschaft zu weit zurück, statt das Heft des Handelns in der Hand zu behalten und vergab auf allerkläglichste Weise die sich dadurch ergebenen Konterchancen. Insbesondere Mato Jajalo, ansonsten nach seiner Einwechslung für den verletzten Chihi sehr gut aufspielend, muss sich hier manchen Vorwurf gefallen lassen.

Der 1. FC Köln hat sich gescheut, den Aufstieg als Ziel auszugeben und das ist gut so. Die Mannschaft gibt es - im derzeitigen Zustand - nicht her und, vorallem, braucht die Zeit ohne den Druck aufsteigen zu müssen. Jetzt muss nur noch das Umfeld das kapieren. Und sollte es noch gelingen, einen der aussortierten teuren Spieler zu verkaufen und nach Abzug dessen, was zur finanziellen Konsoldierung nötig ist, noch Geld da sein, muss wohl ein neuer, mit höherem Torinstinkt ausgestatteter Stürmer her.

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